Studie

German Angst

Deutscher Mittelstand sieht vor allem Risiken

Redaktion RiskNET21.01.2015, 13:26

Der deutsche Mittelstand gilt als Rückgrat der hiesigen Wirtschaftsentwicklung und verbreitete bisher vor allem Optimismus für die Zukunft. Doch das scheint sich jetzt zu drehen. Inzwischen herrscht laut einer neuen Umfrage unter den deutschen Mittelständlern immer mehr Krisenstimmung - während die Hoffnung in anderen Ländern steigt.

Die "German Angst" erfasst den deutschen Mittelstand, so die Autoren der Studie: Während sich europaweit eine neue Aufbruchstimmung unter den Mittelständlern abzeichnet, überwiegt in Deutschland der Pessimismus. Gerade einmal 19 Prozent der deutschen Mittelständler rechnen mit einer Verbesserung der Wirtschaftslage. Europaweit gehen immerhin 32 Prozent von einem Aufschwung im eigenen Land aus – in Irland sogar 68 Prozent. Vor einem halben Jahr war die Zuversicht unter den deutschen Firmen bedeutend größer: Da rechneten 30 Prozent mit einer Verbesserung der wirtschaftlichen Lage.

Jeder dritte deutsche Mittelständler prognostiziert aktuell sogar einen konjunkturellen Rückschlag. Den befürchteten vor einem halben Jahr lediglich 11 Prozent der Befragten. Damit sind die Unternehmen in Deutschland pessimistischer als in den meisten anderen europäischen Ländern: Höher als in Deutschland ist der Anteil der Konjunkturpessimisten nur in den wirtschaftlich schwer gebeutelten Staaten Griechenland und Russland.

Skepsis unter Deutschlands Mittelständlern

Und auch in Bezug auf das eigene Geschäft herrscht Skepsis unter Deutschlands Mittelständlern: Nur jeder dritte Unternehmer rechnet mit einer Verbesserung der eigenen Geschäftslage im Jahr 2015 – europaweit liegt der Anteil der Optimisten bei durchschnittlich immerhin 46 Prozent. Der Anteil der Unternehmen, die mit einer Verschlechterung der eigenen Geschäftslage rechnen, ist im Vergleich zu Juli 2014 von 7 auf 12 Prozent gestiegen – der höchste Wert seit dem Krisenjahr 2009.

Das Geschäftsklima in Deutschland hat sich somit weiter eingetrübt. Der Indexwert sank von 46 (Juli 2014) auf aktuell 40 Punkte. Das entspricht dem zweitschlechtesten Wert für Deutschland seit Januar 2010.

Im europäischen Geschäftsklimaindex rangiert Deutschland auf dem 18ten von 21 Plätzen. Der europaweite Mittelwert liegt bei 47 Punkten. Spitzenreiter beim Geschäftsklima sind die Türkei (65) sowie Irland und Großbritannien (beide 63 Punkte). Schlechter als in Deutschland ist das Geschäftsklima nur in Italien, Polen und Griechenland.

Das sind Ergebnisse des aktuellen Mittelstandsbarometers der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY). Die Studie wird halbjährlich durchgeführt. Ihr liegt eine Umfrage unter 6.000 mittelständischen Unternehmen in Europa – davon 650 in Deutschland – zugrunde, die im Dezember 2014 durchgeführt wurde.

Deutschlands Mittelständler sind massiv verunsichert

Deutschlands Mittelständler sind stark verunsichert, so die Studienautoren weiter. Sie sehen derzeit vor allem Risiken. Die vielen weltweiten Krisen erschweren die Planungen. Insbesondere die weitere Entwicklung des Konflikts mit Russland bleibt ungewiss. Das kostet Vertrauen und bremst die Investitionen.

Auch der massiv sinkende Ölpreis könnte sich als zweischneidiges Schwert erweisen, so die Autoren. Der Absturz des Ölpreises dürfte sich zwar einerseits wie ein kräftiges Konjunkturprogramm auswirken, indem er Unternehmen und Privathaushalte bei den Energiekosten entlastet. Andererseits verstärkt er die Sorgen vor einem weiteren und noch massiveren Abrutschen Russlands in die Krise.

Solche Sorgen scheinen bei den Unternehmen in den meisten anderen Ländern Europas vom Optimismus überlagert zu werden. Vor allem in den ehemaligen Krisenländern Irland, Spanien und Portugal macht sich eine Aufbruchstimmung breit. Die britische Wirtschaft floriert bereits länger. Und auch in der Türkei sind die Unternehmer optimistisch. In der Türkei und in Portugal erwarten die Mittelständler jeweils einen Umsatzzuwachs für 2015 in Höhe von 2,4 Prozent. In Großbritannien und in Irland erwarten sie jeweils eine Steigerung von 2,1 Prozent, mit 2,0 Prozent rechnen die Unternehmer durchschnittlich in Spanien und Norwegen. Ein vergleichsweise bescheidenes Wachstum von 1,5 Prozent planen die deutschen Mittelständler ein.

Deutschland auf den hinteren Rängen bei geplanten Investitionen und Stellenaufbau

Immerhin: Die Zahl der Beschäftigten soll in vielen Betrieben trotz Konjunkturskepsis weiter steigen. Jedes vierte Unternehmen will zusätzliche Stellen schaffen. Und 27 Prozent der Unternehmen wollen ihre Investitionen steigern. Dennoch hinken die deutschen Mittelständler auch in dieser Hinsicht den Unternehmen in Gesamteuropa hinterher: Unterm Strich bedeutet der Saldo aus Investitionssteigerungen und -reduzierungen mit 17 Prozentpunkten lediglich einen hinteren Mittelfeldplatz im Europa-Ranking. Zum Vergleich: In der Türkei beträgt der Saldo 43 Prozentpunkte. Dort will die Hälfte der Unternehmen mehr investieren.

Der Saldo beim Stellenaufbau fällt sogar noch bescheidener aus. Mit gerade einmal 9 Prozentpunkten sackt Deutschland auf den vorletzten Platz im Europavergleich ab. Nur bei Schlusslicht Griechenland planen die Unternehmen mit einem noch geringeren Beschäftigungszuwachs.

Dass die Stimmung unter den deutschen Mittelständlern so gedrückt ist, überrascht auf den ersten Blick, so die Experten von EY weiter. Die Stimmung im deutschen Mittelstand ist deutlich schlechter als die Lage. Der gesunkene Euro mache deutsche Produkte im Ausland billiger, der niedrige Ölpreis entlaste und die deutsche Wirtschaft bleibe insgesamt auf Wachstumskurs – EY rechnet mit einem Wirtschaftswachstum von 1,5 Prozent im Jahr 2015. Zudem entwickelten sich wichtige Auslandsmärkte – allen voran die USA, China und Großbritannien – erfreulich gut. Die Autoren bestätigen: Auch einige der europäischen Krisenländer kommen wieder auf die Beine, was den deutschen Exporten in diese Regionen helfen dürfte. Dennoch scheinen immer mehr Mittelständler zu befürchten, dass aus den zahlreichen politischen Krisen, den kriegerischen Auseinandersetzungen und den wirtschaftlichen Verwerfungen – zu denen auch der Absturz des Ölpreises zählt – eine Megakrise wird, die zu einer erneuten weltweiten Rezession führen könnte.

Immer mehr Unternehmen mit Einbußen wegen Ukrainekrise

Tatsächlich bereitet etwa die Ukrainekrise immer mehr mittelständischen Unternehmen Sorgen: Der Anteil der deutschen Unternehmen, die negative Auswirkungen der aktuellen Spannungen mit Russland auf das eigene Geschäft spüren, ist im Vergleich zu Juli letzten Jahres deutlich von 17 auf 26 Prozent gestiegen. Von den Industrieunternehmen sind sogar 32 Prozent betroffen. Im europäischen Vergleich trifft der Konflikt vor allem die Unternehmen in der Türkei (40 Prozent), Griechenland (34 Prozent) sowie Russland und Finnland (jeweils 33 Prozent).

Deutscher Mittelstand setzt weiter auf Austeritätspolitik – und steht damit europaweit ziemlich allein da

Während die Mehrheit der europäischen Unternehmen (63 Prozent) von der Politik eine Abkehr vom Sparkurs fordert und auf mehr öffentliche Investitionen hofft, überwiegt unter den deutschen Mittelständlern der Wunsch nach Haushaltskonsolidierung. 56 Prozent wollen lieber die öffentlichen Kassen saniert wissen. Nur in Luxemburg und der Schweiz räumt ein größerer Anteil diesem Ansatz eine höhere Priorität ein. Der Ruf nach mehr staatlichen Investitionen wird hingegen vor allem in Irland (81 Prozent), Griechenland (80 Prozent) und auch in Norwegen (79 Prozent) laut.

[ Bildquelle: © alisseja - Fotolia.com ]


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