Kolumne

Industrie 4.0

Der wildgewordene 4.0-Rummel

Uwe Rühl05.02.2016, 14:20

"Bei der Internetblase, die wir um die Jahrtausendwende gehabt haben, da war die Geschichte, dass durch die Einführung und Verbreitung des Internets Produktivität sich dauerhaft erhöhen wird, dass wir dauerhaft ein Wirtschaftswachstum hätten. Das hat sehr viele Investitionen finanziert, diese Geschichte. Das hat dazu geführt, dass auch Dinge entwickelt worden sind, die ohne diese Finanzierung, ohne diese Übertreibung niemals finanziert worden wären."

Das schrieb Deutschlandradio Kultur bereits im Sommer 2014 in einem Beitrag zur Industrie 4.0. In dieser Aussage steckt viel Wahrheit hinter der Geschichte, die damals im aufkommenden Internetzeialter erzählt wurde. Wahrheiten, Halbwahrheiten oder einfach nur ein großer Bluff? Wer weiß das schon in unserem digitalen Zeitalter, das so wenig greifbar ist, wie das Versprechen hinter der Industrie 4.0.

Klappern und verkaufen

Klappern gehört bekanntlich zum Handwerk. Vor allem für Verkäufer ist es seit jeher ein probates Mittel, um der (potenziellen) Kundschaft alles Mögliche und Unmögliche zu verkaufen oder aufzuschwatzen. Was früher der fahrende Händler mit Planwagen und Krimskrams erfüllte, ermöglichen heute multinationale Konzerne und deren Werbestrategen. Ein Novum in der evolutionären Verkaufskette hat sich seit dem aufsteigenden digitalen Zeitalter festgesetzt. Der Verkauf allerlei virtueller Dinge und Dienstleistungen, nummeriert mit "4.0". In unseren Tagen scheint nichts mehr sicher vor der Welt im Modus 4.0 – von der Automobil- und Energiebranche über die Medizin bis zur Industrie. Wen wundert es beispielsweise, dass Industrie 4.0 zu einem Modebegriff avanciert, der kaum die notwendige Trennschärfe beinhaltet. Gabler spricht gar von einem Marketingbegriff. Ein Begriff, der ein deutscher Ausdruck sei, wie der Sender 3SAT feststellt. Er werde gebraucht, "um das zu umschreiben, was in der angelsächsischen Tradition als "second machine age" oder "third industrial revolution" bezeichnet wird". Und Deutschlandradio Kultur erkennt: "Der Begriff "Industrie 4.0" beschreibt eine Zukunftsvision und soll gleichzeitig Marketing sein; eine griffige Formel für das Neue, das sich gegenwärtig hinter Fabrikmauern vollzieht." Spiegel Online stellt bereits in einem Beitrag "Wettlauf der Systeme" aus dem Jahr 2014 fest: "Jeder kennt zwar "Industrie 4.0", das Schlagwort, das eine vierte industrielle Revolution prophezeit (…) Doch die meisten sind einigermaßen ratlos, wenn sie gefragt werden, wohin der Wandel führt und was sie zu tun haben". Es herrscht eine regelrechte Hysterie in Form eines wildgewordenen 4.0-Rummels.

Vom Riesenpotenzial und den Risiken

Das Fachjournal IP (Internationale Politik) warf in einem Schwerpunkt zum Thema Industrie 4.0 die zentrale Frage auf, ob Konzerne es schaffen, "durch die Integration von IT-Technik die technologische Führung für das Gesamtprodukt zu behalten". Die Antwort fällt aktuell eher düster aus. Nicht nur aufgrund der zunehmenden Eigendynamik der digitalen Eroberungszüge in den Fabriken, den Büros und dem täglichen Leben. Fakt ist, dass sich durch die Digitalisierung die Berufswelt fundamental verändert. Daran führt kein Weg vorbei. Doch in welche Richtung geht das Ganze?

Experten sprechen einerseits von einem Riesenpotenzial durch Industrie 4.0 und werfen beispielsweise die Zahl von 78 Milliarden Euro durch Produktivitätssteigerungen für die deutsche Wirtschaft bis ins Jahr 2025 ins Rennen (Quelle: Fraunhofer IAO). Oder die von 30 Milliarden Euro, die deutsche Unternehmen an zusätzlichem Umsatz pro Jahr durch Industrie 4.0 erwarten, wie PwC in einer Studie herausfand.

Die Kehrseite der Chancensicht sehen andere Experten mit Risiken behaftet. Beispielsweise stünden laut ING-Diba 18 Millionen Arbeitsplätze durch den zunehmenden Roboter- und Softwareeinsatz in Deutschland auf der Kippe. Weiterhin sieht der Philosoph Richard David Precht die Gefahr, dass durch Industrie 4.0 eine Massenarbeitslosigkeit in Europa entstehen könnte, die wir uns bis dato nicht vorstellen können. Precht erklärt dies damit, dass ein riesiger Bereich an Dienstleistungsberufen wegfällt, der zukünftig von Maschinen übernommen wird. Und erfahrungsgemäß sehen Gewerkschaften das Thema kritisch, wie etwa die IG Metall, wonach unter anderem durch "Crowdworking Erwerbsarbeit zur rechtsfreien Ware werden" könnte. Festzuhalten bleibt: In die eine wie in die andere Richtung ist vieles Spekulation, Halbwissen und nicht mehr als ein Blick in die Glaskugel. Im Klartext: Nichts Genaues weiß man nicht.

Gesucht: umfassende Expertise

Bei allem Lobliedern und den kritischen Stimmen in puncto Industrie 4.0 darf der Betrachter nicht vergessen, dass massive Eigeninteressen hinter dem Pro oder Kontra stehen. Wachstumsaussichten, von denen Unternehmen und Politik träumen. Vermeintliche Wissensträger wie Experten, Aus- und Weiterbilder sowie Wissenschaft und Forschung. Auf der anderen Seite gewerkschaftsnahe Interessengruppen, die Arbeitsplätze in Gefahr sehen. Hinzu kommen IT-Risiken oder Digitalisierungsgegner, denen das alles per se zu weit geht.

Die Computerwelt kommt in einem Gastkommentar zu "Industrie 4.0 – gibt es ein Sein nach dem Schein?" zu dem Schluss: "Die erwähnte mediale Aufmerksamkeit erzeugt einen Dominoeffekt dem sich kaum jemand entziehen kann, mittlerweile machen also irgendwie alle mit. Manche waren dabei durchaus anstoßende oder richtungsgebende Steine, viele wurden aber irgendwann angestoßen ohne dass sie wirklich wussten wie ihnen geschah – wie das eben beim Domino so ist. Das Credo scheint nun zu sein: Entweder man setzt sich mit dem Begriff auseinander (und vor Allem: lässt die Welt wissen, dass man dies tut) oder man wird als rückständig abgestempelt." Bleibt die Frage offen: Wer zieht die Strippen im 4.0-Industrie-Geflecht? Bleibt zu hoffen, dass es die sind, die umfassende Expertise haben, mit Weitsicht und abwägend vorgehend. Also weniger Trittbrettfahrer, die auf den vermeintlichen Wachstumszug aufspringen und "vor allem Unternehmen welche nicht gerade als hochdynamisch bekannt sind versuchen sich damit ein innovatives und visionäres Image zu verpassen", wie die Computerwelt feststellt.

Computer sagen was wir zu tun haben

Für den Philosophen Precht muss Arbeit neu definiert werden. Gerade deshalb, weil in der neuen Arbeitswelt wenige Menschen Computern sagen, was sie zu tun haben. Wohingegen Computer vielen Leuten sagen, was sie zu tun haben. Sprich für viele Menschen wird es in der neuen Arbeitswelt keine Verwendung mehr geben. Hierzu müssen Politik, Wissenschaft und Wirtschaft Antworten finden. Schnell und vor allem umfassend, denn die digitale Welt dreht sich immer schneller und mit ihr unser Alltag.

"Was sich aber wirklich verändert hat, ist die Geschwindigkeit unseres Alltags!", stellt Deutschlandradio Kultur fest und ergänzt: "Eine Evolution der Wirklichkeit hat sich, anscheinend, um uns herum vollzogen: Von einem gemächlichen Fluß scheint sie zu einem wild aufeinanderfolgenden Stakkato von Augenblicken zersplittert zu sein: Man sieht das nicht nur an den Kids, die nachts nicht schlafen können, weil sie Angst haben, die neueste WhatsApp-Nachricht zu verpassen."

Autor:

Uwe Rühl, Geschäftsführer der RÜHLCONSULTING GmbH.

Uwe Rühl, Geschäftsführer der RÜHLCONSULTING GmbH. 

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