Kolumne

Die Gemeinschaftswährung in der Krise

Der Euro und Europas Zukunft

Redaktion RiskNET23.08.2016, 13:00

Der US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler und Professor an der Columbia University, Joseph Stiglitz, stellt den Euro infrage. In einem Beitrag für die "Financial Times" fordert der Nobelpreisträger von 2001 eine Abkehr von der Gemeinschaftswährung. "Nur mit diesem radikalen Schritt lasse sich das europäische Projekt retten", so "Focus Online". Und das Medium führt fort: "Der Nobelpreisträger kritisiert, dass viele Politiker ihre Haushaltspolitik an die Vorgaben aus Europa binden müssten. Aufgrund der Währungsunion seien sie an strenge Defizitauflagen gebunden, die ihnen beispielsweise Ausgabenprogramme untersagten. Die Folgen sind hohe Arbeitslosigkeit und ein schwaches Wirtschaftswachstum." Schon im Anfang des Jahres äußerste Stiglitz Kritik im Rahmen eines Interviews mit der Hans-Böckler-Stiftung. "Wenn der Kurs nicht bald geändert wird, dann steuern wir in der Eurozone auf einen großen Unfall zu. Das kann in Zeitlupe passieren oder auch ganz schnell kommen. Als Ökonom kann ich beim besten Willen nicht sehen, wie sich dieser Unfall mit dem gegenwärtigen Kurs vermeiden ließe." In einem Beitrag zu "Nobelpreisträger fordert das Ende des Euro" schreibt "Die Welt", dass sich Stiglitz lautstark in die Diskussion über Europas Zukunft eingeschaltet habe. "Er hält den Euro tatsächlich hinderlich für den Aufschwung und sieht im Bruch der Gemeinschaftswährung sogar die einzige Chance, das wirtschaftlich lahmende Europa wieder in Schwung zu bringen", so die Zeitung.

Schockierende Zahl, Tragödie der Allmende

Der ehemalige Chefökonom der Weltbank hält zugleich eine schockierende Zahl bereit. So würden bei einem Festhalten an der "jetzigen ineffizienten Form" der Währungsunion "Wohlstandverluste von sagenhaften 200 Billionen Euro" unter dem Strich stehen. Für Stiglitz kommt nur eine "Scheidung" infrage, um die Gemeinschaftswährung in einen "Nord- sowie einen Süd-Euro" zu splitten. Die Idee ist nicht neu. Bereits 2011 schrieb die "FAZ" in einem Beitrag von einem neuen "glaubwürdigen Währungssystem" in Form des "Nord-Euro". Und die "Wirtschaftswoche" schrieb 2012: "Deutschland bliebe in einer Kern-Währungsunion mit Finnland, Luxemburg und den Niederlanden. Diese Länder führen, so sei weiter angenommen, eine neue Währung ein, den "Nord-Euro" oder "Neuro"." In eine ähnliche Richtung denkt auch die Beratungsgesellschaft "PwC" und führt als ein mögliches Szenario an: "Der Euro zerbricht (Der Euroraum kann in seiner derzeitigen Form nicht erhalten werden, dies kann zum Ausscheiden einzelner Eurostaaten führen, zum Zusammenschluss der stärkeren Eurostaaten zu einer Art "Kernwährungsunion" oder zu einem totalen Zerfall der Währungsunion)."

Dass diese "Spaltung" auch Probleme mit sich bringen könnte, darauf verweist die "NZZ" wenn sie schreibt: "Ein Nord-Euro wäre ähnlich labil wie der Euro." Die NZZ begründet dies 2013 in einem Artikel mit dem Hinweis auf das "Ausnützen der Allmende": "Jede Währungsunion bedeutet im Kern die Schaffung einer Allmende, um deren Nutzung die Mitgliedstaaten konkurrieren." Und die Zeitung folgert: "Die Tragödie der Allmende besteht darin, dass alle Mitglieder der betreffenden Gemeinschaft sie nutzen dürfen, aber niemand den Anreiz hat, sie zu pflegen oder zu schonen. So wird das gemeinsame Stück Land rasch übernutzt und oft zerstört. Übertragen auf die Euro-Zone besteht die Allmende zunächst in der gemeinsamen Kasse, im Fall der Euro-Zone also der Europäischen Zentralbank (EZB). Deren Gewinn sollte eigentlich nach festen Regeln auf die Mitgliedstaaten verteilt werden, doch hat sich gezeigt, dass die Mitgliedstaaten versuchen, zusätzliche Beträge für sich und ihre Banken abzuzweigen."

Gewaltige Diskrepanzen

Und "Le Monde diplomatique" stellt fest, dass die meisten Mitglieder der Währungsunion Mühe hätten, "mit dem Wechselkurs des Euro gegenüber anderen Währungen auf Dauer zurechtzukommen, ohne ihre eigene Währung bei Bedarf abwerten zu können". Die Zeitung schlussfolgert: "Angesichts der gewaltigen Diskrepanzen – insbesondere zwischen Deutschland und den übrigen Mitgliedsländern – müsste es innerhalb der Eurozone monetäre Transfers geben." In einem Gastkommentar für die Wochenzeitung "Die Zeit" schreibt der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis, dass der Euro die Volkswirtschaften weiter auseinandergetrieben habe und nennt als Quelle seiner Darlegung die Europäische Zentralbank. Varoufakis: "Ein Ziel der Euro-Einführung war, den Volkswirtschaften in der EU dabei zu helfen, enger zusammenzuwachsen. Indem man die Gefahr einer Abwertung der eigenen Währung und die Kosten des grenzüberschreitenden Handels verringert, sollten Investitionen innerhalb der Eurozone stimuliert werden und sich Einkommen, Beschäftigung und Staatsfinanzen angleichen. Unglücklicherweise passierte genau das Gegenteil." In eine ähnliche Richtung denkt auch Stiglitz wenn "Die Welt" schreibt: "Die Gemeinschaftswährung habe Europa wirtschaftlich auseinandergetrieben."

Europas Segen, Europas Gedanke

In diesem Kontext brachte es Börsenmakler Dirk Müller in einem Interview mit dem Magazin "Cicero" aus dem Jahr 2013 auf den folgenden Punkt: „Die Unterschiedlichkeit in Europa ist ein großer Segen. Wir brauchen Mischwald und keine Monokultur. Es entstehen immer gegenseitige Synergien, wenn man unterschiedliche Stärken hat und diese auch zulässt. Die gemeinsame Währung zwingt aber alle, im Gleichschritt zu marschieren und Ungleichheiten auszumerzen. Das ist ein großer Fehler. Jeder soll sich nach seinen Stärken orientieren, damit letztlich alle profitieren." Weise Worte. Doch scheinen diese in einer alles erschlagenden Debatte um den Euro unterzugehen. Und daran könnte der gemeinsame Gedanke Europas zerbrechen. Ein Albtraum für den verstorbenen Altkanzler Helmut Schmidt. Denn das "Scheitern der gemeinsamen Währung" könnte "auch ein Scheitern des integrierten Europa nach sich ziehen", so die "FAZ". An dieser Stelle sei an Schmidts Worte aus dem Jahr 2011 erinnert: "Falls jedoch die Europäische Union im Laufe der kommenden Jahrzehnte nicht zu einer - wenn auch begrenzten - gemeinsamen Handlungsfähigkeit gelangen sollte, so ist eine selbstverursachte Marginalisierung der einzelnen europäischen Staaten und der europäischen Zivilisation nicht auszuschließen. Ebenso wenig kann in solchem Falle das Wiederaufleben von Konkurrenz- und Prestigekämpfen zwischen den Staaten Europas ausgeschlossen werden." Ein Prozess, der mittlerweile Realität ist – auch abseits der Euro-Debatte.

[ Bildquelle: © bonilla1879 - Fotolia.com ]


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