Kolumne

Kommentar

Das spanische Wunder

Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.30.04.2014, 18:35

Die Nachricht, die mich in der vorigen Woche am meisten überraschte, war die Bekanntgabe der Zahlen für das spanische Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal. Es ist preisbereinigt um 0,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal gestiegen. Das ist das vierte Wachstumsplus in diesem Land nacheinander. Die Expansion war in den ersten drei Monaten so hoch wie seit 2010 nicht mehr.

Die Grafik zeigt den bemerkenswerten Umschwung seit Anfang 2013.
Das ist ein großer Erfolg für Spanien. Das Land hat es nach vielen Entbehrungen endlich geschafft, die Rezession hinter sich zu lassen. Wenn sich die Dynamik so fortsetzen sollte, dann werden die bisherigen Wachstumsprognosen (1 Prozent im Jahr 2014, 1,7 Prozent im Jahr 2015 laut EU-Kommission) deutlich überschritten. Es ist nicht auszuschließen, dass Spanien in diesem Jahr so schnell wächst wie Deutschland.

Wachstumsdynamik in Spanien: Reales BIP in % ggü.Vorquartal [Quelle: Eurostat]
Wachstumsdynamik in Spanien: Reales BIP in % ggü.Vorquartal [Quelle: Eurostat]


Es ist aber auch ein Erfolg für den Euroraum insgesamt. Es bestätigt die Verbesserungen, die schon seit einiger Zeit erkennbar sind. Die Target-Salden, die ein guter Indikator für die Lage im Euroraum sind, sind in den letzten zwei Jahren um EUR 180 Mrd. zurückgegangen. Entsprechend sind Forderungen der Bundesbank an die anderen Mitglieder der Gemeinschaft zurückgezahlt worden.
Die spanischen Wachstumszahlen sind vielleicht ein noch wichtigerer Indikator als die Rückkehr Griechenlands und Portugals an die internationalen Finanzmärkte. Denn hier handelt es sich nicht um eine Verbesserung der Stimmung der Investoren (die von einem Tag auf den anderen umschlagen kann). Hier geht es um Hard Facts der Realwirtschaft. Was produziert wurde, kann nicht mehr wegdiskutiert werden.

Natürlich darf man nicht übertreiben. Die Krise ist noch nicht zu Ende. Das spanische Bruttoinlandsprodukt liegt preisbereinigt deutlich unter dem Vorkrisenniveau. Die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch.

Drei Lehren kann man aus den spanischen Erfahrungen ziehen. Erstens braucht es – vor allem in dem gegenwärtig guten weltwirtschaftlichen Umfeld – keine spezifischen Wachstumsprogramme, um aus der Krise herauszukommen. Das Wachstum in Spanien resultiert allein aus Marktkräften. Es kommt vom Export und – zögernd noch – von der Binnennachfrage. Auch die Zinsen waren in Spanien nicht niedriger als in anderen Mitgliedsländern. Dabei hatte Spanien eine Hypothek, die die anderen nicht in dem Maße hatten: Es musste eine Immobilien- und Bankenkrise bewältigen, die größer war als in anderen Staaten.

Zweitens: Von all den Maßnahmen, die von den Schuldnerländern gefordert wurden, ist das Wichtigste die Reform der Arbeitsmärkte und damit zusammenhängend die Verringerung der Lohnstückkosten. Sie sind in Spanien seit Anfang 2010 um über 15 Prozent gesunken. Das hat die Wettbewerbsfähigkeit des Landes verbessert. Wichtig war auch, dass sich das Klima in den Unternehmen und bei den Beschäftigten geändert hat. Immer wieder hört man jetzt auch von deutschen Unternehmen, dass sie Produktionsverlagerungen nach Spanien erwägen, weil die Arbeitsbedingungen dort besser sind.

Drittens: Die Konsolidierung der öffentlichen Haushalte, die immer wieder eingefordert wird, ist wichtig für die Glaubwürdigkeit der Regierung gegenüber den Partnern und den internationalen Gläubigern. Für die Verbesserung der Realwirtschaft spielt sie nicht eine so große Rolle. Spanien hinkt hier gegenüber den Vorgaben noch weit zurück. Sein Budgetdefizit liegt noch bei 7 Prozent des BIP. Das ist insofern bemerkenswert, als Spanien in den ersten zehn Jahren des Euro immer als finanzpolitischer Musterknabe galt.

Aus meiner Sicht kann man die Erfahrungen Spaniens auch auf andere Länder im Euroraum übertragen. Gegenüber Griechenland und Portugal hat Spanien freilich den Vorteil, dass es über eine gute industrielle Basis verfügt. Verbesserungen bei der Wettbewerbsfähigkeit übertragen sich daher schneller in Exporterfolge. In Griechenland und Portugal wird das länger dauern.
Frankreich und Italien, die bisher noch keine Reform- und Anpassungsmaßnahmen ergriffen haben, können von Spanien Hoffnung schöpfen. Wenn sie die Lohnstückkosten verringern und die Arbeits- und Gütermärkte reformieren, wird es nicht lange dauern, bis sich der Erfolg einstellt. Aber sie müssen etwas tun. Das Ende der Krise gibt es nicht umsonst.

Die spanischen Erfahrungen haben aber auch für Deutschland Bedeutung. Bei Reformen herrscht in der Bundesrepublik derzeit Stillstand. Das kann sich das Land leisten, weil es derzeit so gut dasteht. Reformen sind aber eine Investition in die Zukunft. Wenn Deutschland seine Position in den kommenden Jahren halten will, darf es sich nicht nur auf dem Erreichten ausruhen. Sonst könnte es eines Tages sein, dass Spanien das "neue" Deutschland ist.

 

Autor: Dr. Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.



[Bildquelle: © skatzenberger - Fotolia.com]



Kommentare zu diesem Beitrag

reiner/01.05.2014 17:36
an den problemen und Schuldenbergen hat sich nichts geändert, eher verschlechtert. was also soll da ein Wunder sein? verarscht euch doch lieber selber ihr Rettungshelden.
Jan/02.05.2014 09:18
@reiner: Der Kommentar ist doch arg polemisch. Ich freue mich über die Darstellung und Meinung, auch wenn ich gewisse Dinge anders sehe.

Man muss sich vor Augen führen, wie weit das Land zurückgefallen ist und auch an die Lage der Bevölkerung und nicht nur die der Investoren denken. Außerdem darf auch nicht ausgeblendet werden, womit dieses klitzekleine bisschen Besserung, dass uns als DIE Trendwende verkauft wird, erkauft wurde.
Diese Kosten treten so vielfältig und weitgreifend auf, dass ich die Gesamtsumme wahrscheinlich gar nicht erfahren möchte. Zum "Glück" wird dafür ja auch alles getan... ;-)
Markus/05.05.2014 20:42
Ich erinnere mich an Zeiten da wurden 2-3% Wachstum als Voraussetzung für nachhaltigen wirtschaftlichen Fortschritt gesehen.

Heute freuen wir uns über null Komma X Wachstum.

Die öffentlichen Haushalte lassen sich relativ simpel konsolidieren:

Steuern rauf !!!!
Es muss gar nicht viel sein - aber es kann nicht sein dass z.B Amazon, Google, etc extreme Überschüsse erwirtschaften - in Europa keine Steuern zahlen und das Geld auch NICHT nach Amerika überweisen wollen - weil dann entsprechende Zahlungen fällig werden.

Das ist mein Hauptansatzpunkt für ein neues Freihandelsabkommen mit Amerika.
Steuern sind dort zu entrichten wo der Umsatz generiert wurde bzw. die Ware geliefert, genutzt und verbraucht wird.

Schließlich wird ein Autodiebstahl in Valencia nicht vor einem Zivilgericht in Texas verhandelt....

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