Rezension

Warum wir uns vor dem Falschen fürchten

Das Risikoparadox

Frank Romeike [Chefredakteur RiskNET]25.07.2014, 16:38

So ziemlich jede Entscheidung basiert auf einem Abwägen von Chancen und Risiken. Allerdings tendiert unser Gehirn dazu, Sinneseindrücke möglichst einfach und übersichtlich zu organisieren. Wir versuchen unsere Wahrnehmung zu erleichtern und uns auf das Wichtigste zu konzentrieren. In Gefahrensituationen ist das sinnvoll. Der Nobelpreisträger und Psychologe Daniel Kahneman spricht in diesem Kontext von zwei Denksystemen, die den Menschen steuern, ein intuitives und ein rationales, und das intuitive ist weitaus mächtiger als das rationale.

Das schnelle und intuitive System 1 erkennt aufgrund von abgespeichertem Erfahrungen und Wissen blitzschnell Muster und reagiert mit Ad-hoc-Maßnahmen. Es arbeitet vollautomatisch und ohne willentliche Steuerung. Und das ist beispielsweise in Notfällen auch wichtig: Weder der Steinzeitmensch, der plötzlich einem Säbelzahntiger gegenüber steht, noch der Feuerwehrmann, der in einer Krisensituation schnell reagieren muss, haben die Zeit beispielsweise eine strukturierte und komplexe Szenarioanalyse durchzuführen. Ohne System 1, das schnell, unbewusst und in der Regel emotionsgesteuert Entscheidungen herbeiführt, könnten wir als Menschen gar nicht überleben.

Doch bei diesen schnellen und intuitiv gesteuerten Entscheidungen begehen wir auch Fehler, die wir nur dann vermeiden können, wenn wir auch System 2 mit seinen bewussten, langwierigen und nicht selten anstrengenden Überlegungen einschalten. System 2 benötigen wir immer dann, wenn wir Details analysieren, beispielsweise die Ursache-Wirkungs-Ketten eines komplexen Risikoszenarios. Kahneman liefert in seinen Publikationen eine Reihe von Beispielen. Nachfolgend ein kleines Beispiel: Ein Schläger und ein Ball kosten zusammen 1,10 Euro. Der Schläger kostet einen Euro mehr als der Ball. Wie viel kostet der Ball?

Wenn Sie zu dem Ergebnis gekommen sind, dass der Ball 10 Cent koste, dann befinden Sie in guter Gesellschaft und sind auf System 1 hereingefallen. System 2 kann das sehr leicht beweisen: Wenn der Ball 10 Cent kostet und der Schläger einen Euro mehr, dann kostet der Schläger 1,10 Euro und beides zusammen 1,20 Euro. Die Antwort muss lauten: Der Ball kostet 5 Cent, der Schläger einen Euro mehr, also 1,05 Euro und beides zusammen dann 1,10 Euro.

Fakt ist, dass in der komplexen Unternehmenswelt reine Intuition nur selten ausreicht. Denn bei Entscheidungen aus dem Bauch heraus vernachlässigen wir wichtige Entscheidungsparameter, da die Risikowahrnehmung eher subjektiv ist und wesentliche Parameter außerhalb der eigenen Denkwelt ausgeblendet werden. Die Wahrnehmung von Risiken hängt stark von unserem Wissen, unseren Meinungen, Moden und Moralvorstellungen ab. Was für den einen ein Risiko ist, ist für den anderen noch lang keines.

Das Ergebnis dieser kognitiven Verzerrungen ist das von Ortwin Renn beschriebene Risikoparadox. Wir fürchten uns vor den "falschen" Gefahren und blenden die "echten" Risiken aus. Auf 607 Seiten beschreibt Renn immer wieder Beispiele für derartige Risiken und Gefahren, die nach bester wissenschaftlicher Erkenntnis wenig Schaden anrichten und umgekehrt Risiken, die wir weitestgehend ignorieren, obwohl sie uns erheblich bedrohen.

So erinnern wir uns alle an den Pressehype rund um die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK), eine beim Menschen sehr selten auftretende, tödlich verlaufende und durch atypische Eiweiße (sogenannte Prionen) gekennzeichnete übertragbare spongiforme Enzephalopathie. Wir erinnern uns an die kollektive Entrüstung über ein landwirtschaftliches System, das Tiermehl an vegetarische Kühe verfüttert und die dabei auftretenden Risiken offenkundig unterschätzt hat. Und auf der anderen Seite zeigen uns die Statistiker auf, dass in den letzten 25 Jahren ungefähr so viele Menschen an der neuartigen Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung in Europa gestorben sind, wie am unachtsamen Trinken von parfümiertem Lampenöl. In Deutschland starben seit 1990 fünf Menschen an einer Vergiftung durch Lampenöl, meist Kinder, die die bunten duftenden Flüssigkeiten für Saft hielten – und kein Einziger an der neuartigen Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung.

Die Öffentlichkeit wird einem Wechselbad von Dramatisierungen und Verharmlosungen ausgesetzt, so Renn. Die Folge dieses heillosen Durcheinanders ist schlichtweg Verunsicherung. Nach Fukushima, BSE und Noroviren in Erdbeeren suchen die meisten Menschen nach Orientierung im Wirrwarr widersprechender Einschätzungen, sensationslüsterner Berichterstattung und hilfloser Reaktionen aus Wirtschaft und Politik: Wie hoch sind die Risiken der modernen Welt wirklich?

Was ist die Ursache für die paradoxe Wahrnehmung von Risiken? Der Mensch ist nicht selten überfordert, die komplexen Zusammenhänge zu verstehen. Was sind mögliche Ursachen? Welche Wirkungen sind möglich? Wie wahrscheinlich sind bestimmte Szenarien? Welche Rückkopplungseffekte existieren. Für komplexe Situationen sei die Intuition ein schlechter Ratgeber, so Ortwin Renn. Wenn wir es mit komplexen und risikobehafteten Entscheidungen zu tun haben, ist es deshalb zwingend notwendig, entsprechende analytische und quantitative Risikomodelle einzusetzen, so der Neurowissenschaftler Bernd Weber in einem Interview auf dem Kompetenzportal RiskNET. Bei komplexen Entscheidungen sollten wir uns nicht auf Heuristiken oder Intuition verlassen. Intuition basiert auf der Fähigkeit der Mustererkennung im Gehirn, das heißt einer automatischen Abwägung von "gelernten Wahrscheinlichkeiten".

So verwechseln beispielsweise nicht selten sowohl Laien als auch Experten die Unterschiede zwischen Korrelation und Kausalität. "Spurious relationship" bzw. Scheinkorrelation nennen das Experten, wenn zwischen zwei Größen eine Korrelation existiert, der aber kein Kausalzusammenhang zugrunde liegt. Ein bekanntes Beispiel in der Statistik ist die Korrelation zwischen der Zahl der Geburten von Babys und der Storchenpopulation in verschiedenen Ländern. Obwohl es eine Korrelation zwischen der Zahl der Geburten und der Zahl der Storchenpaare gibt, gibt es keinen unmittelbaren kausalen Zusammenhang. Der Zusammenhang lässt sich vielmehr durch eine dritte (intervenierende) Variable erklären: beispielsweise der Industrialisierung der Region. Je industrialisierter eine Region ist, desto geringer ist die Zahl der Kindergeburten und desto geringer ist die Zahl der Storchenpaare. 

Ortwin Renn belässt es nicht bei einer reinen Diagnose, sondern beschreibt in seinem Buch Wege zu einer höheren Risikomündigkeit beziehungsweise Risikointelligenz. Fakt ist, dass wir heute mit den Hilfsmitteln der Statistik und Stochastik Risiken besser und treffender beschreiben können als jede Generation vor uns. Die neuen Methoden können zwar – im Sinne einer Kristallkugel – keine Gewissheiten erzeugen und eindeutig messbare Ursache-Wirkungsketten aufzeigen, aber sie geben uns wichtige Einblicke in die relativen Gefährdungen und vermitteln uns verwertbare Erkenntnisse über die Wahrscheinlichkeiten ihrer Verursachung. Mit den Methoden und Werkzeugen eines präventiven Risikomanagements können wir außerdem die meisten Risiken, die unsere Gesundheit und unser Leben bedrohen, effektiv eingrenzen und reduzieren. Ortwin Renn ist daher davon überzeugt, dass wir eben gerade nicht in einer Risikogesellschaft leben, wie es der Soziologe Ulrich Beck in seinem Buch "Die Risikogesellschaft" skizziert hat. 

Doch was kann man tun, um aus dem Gefängnis der eigenen Wahrnehmungsprozesse auszubrechen und eine Wahrnehmung der Realität zu erreichen, die einem hilft, die scheinbaren Bedrohungen als "scheinbar" zu enttarnen und die echten Risiken als bedrohlich einzustufen?

Der erste Schritt ist trivial: Hier geht es um die bewusste Kenntnis der Diagnose. Die Bewusstwerdung über unsere eigenen Mechanismen der Urteilsbildung und Risikowahrnehmung hilft uns, in der täglichen Lebenspraxis mit den Herausforderungen der Komplexität, Unsicherheit und Ambiguität besser fertig zu werden. Der zweite Schritt auf dem Weg zu einem risikobewussten und -mündigen Bürger bedingt eine gezielte und ausgewogene Informationsaufnahme. So sind beispielsweise Informationen, die bei Risiken Grundkenntnisse stochastischer Risikoerfassung vermissen lassen, beispielsweise vollständige Sicherheit versprechen oder ein bloße Auflistung von (tragischen) Beispielen vornehmen, wenig vertrauenswürdig. Informationen, die bewusst Framing-Effekte und andere Mittel zur gezielten Beeinflussung der Kommunikationskonsumenten einsetzen, sind zumindest auf den ersten Blick mit besonderer Vorsicht zu genießen. Zur ausgewogenen Informationsaufnahme gehört auch, sich in der Pluralität der Angebote die eher polarisierenden Informationen auszuwählen und nebeneinanderzustellen. Zum Dritten ist immer dann Vorsicht geboten, wenn andere, die es noch weniger wissen als Sie, mit dem Brustton der Überzeugung angeblich wissenschaftlich bewiesene Tatsachen auftischen und bedeutungsschwanger in die Rund schauen, so Renn. Außerdem ist es kein Wahrheitsbeweis, dass etwas in der Zeitung steht oder im Fernsehen darüber berichtet wird. Zum Vierten gehen Sie, so Renn, zu den basalen Grunddaten. Achten Sie darauf, welche Verhältniszahlen gewählt wurden, damit Sie keinem der bekannten Framing-Effekte zum Opfer fallen. Schließlich und letztlich sind wir fünftens alle Opfer der Mechanismen der reflexiven Modernisierung, so Ortwin Renn weiter. Wachsamkeit, ein gesundes Maß an Skepsis und zielgerichtetes Engagement reichen nach Ansicht des Autors aus, um sich in den Klippen einer sich reflexiv verstehenden Moderne zurechtzufinden.

Fazit: Ortwin Renn, Professor für Umwelt und Techniksoziologie an der Universität Stuttgart, hat sich mit dem Buch "Das Risikoparadox" das Ziel gesetzt, einen Beitrag zur individuellen und kollektiven Risikomündigkeit zu leisten. Das Ziel ist eine aufgeklärte und wache Gesellschaft, bestehend aus freien und verantwortungsbewussten Menschen, die gelernt haben, ihre intuitive Wahrnehmung und Bewertungsmuster (siehe System 1) selbstkritisch zu beobachten und auf dieser Basis zu einer aufgeklärten und abgewogenen Urteilsfähigkeit zu gelangen. Dieses Ziel hat das Buch in einer hervorragenden Art und Weise erreicht. Das Buch kann nicht nur Risikomanagern wärmstens als Lektüre empfohlen werden, sondern jedem Bürger. Renn hat auf rund 600 Seiten eine erkenntnisreiche Dokumentation an Daten und Fakten zusammengestellt. Sicher ist, dass Sie nach der Lektüre über eine höhere Risikointelligenz verfügen werden und zukünftig auch häufiger System 2 um Rat befragen werden. 



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