Interview

Chancen und Risiken des Freihandelsabkommens TTIP

Compliance ist Top-Thema

Redaktion RiskNET04.03.2015, 07:30

Die diesjährige "Global Trade Management Agenda" legt ihren Schwerpunkt auf hochaktuelle Themen: Neben den Top-Aufgaben im Global Trade Management (GTM) im Jahr 2015 sind dies die Bedeutung von Präferenzabkommen sowie die Beurteilung des geplanten Abkommens zwischen der EU und den USA (Transatlantic Trade and Investment Partnership – TTIP) aus Unternehmersicht.

Die Global Trade Management Agenda 2015 basiert auf den Ergebnissen einer Online-Befragung im Sommer 2014. Insgesamt wurden 177 Außenhandels- und Logistikexperten in Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen insbesondere aus Deutschland und Großbritannien befragt. Die Studie ist ein Kooperationsprojekt der AEB Gesellschaft zur Entwicklung von Branchen-Software mbH und der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) Stuttgart.

Compliance ist Top Thema

Was sind die Top-Themen im Jahr 2015 im Bereich Außenwirtschaft? Diese Frage haben die Studienautoren auch bei der zweiten Auflage der "Global Trade Management Agenda" gestellt und die Experten zu ihren wichtigsten Aufgaben im nächsten Jahr befragt (vgl. Abbildung 01). Das Ergebnis: Im Fokus steht vor allem der Themenkomplex Compliance, also rechtskonformes Handeln. So sehen es die Studienteilnehmer als wichtigste Aufgabe, Embargo-Vorschriften einzuhalten. Auf Platz zwei und drei finden sich mit der Gewährleistung von Rechtssicherheit und der Umsetzung von zollrechtlichen Änderungen Aufgaben, die ebenfalls zum Thema Compliance gezählt werden können.

Und auch die Risikominimierung in der Lieferkette, die von Platz acht in der Vorjahresstudie auf Platz vier der diesjährigen Untersuchung geklettert ist, kann dem Themenkomplex zugeordnet werden. Die Ergebnisse sind vor dem Hintergrund der aktuellen Krisensituationen weltweit zu sehen. Insbesondere die Entwicklungen in Russland und der Ukraine beeinflussen das wahrgenommene Außenhandelsrisiko, so die Studienautoren. Die Unternehmen stehen derzeit vor der Herausforderung, ihre Prozesse an die sich häufig ändernden gesetzlichen Vorgaben anzupassen.

Abbildung 1: Die wichtigsten GTM-Aufgaben in 2015 (Angaben in Prozent)

Abbildung 1: Die wichtigsten GTM-Aufgaben in 2015 (Angaben in Prozent)

Dies erklärt auch ein auf den ersten Blick erstaunliches Ergebnis der Studie: Kosteneinsparungen haben derzeit bei den Unternehmen im Global Trade Management keine so hohe Bedeutung. In der Rangliste der wichtigsten Themen sind die Supply-Chain-Optimierung unter Abgabenaspekten sowie die Senkung der GTM-Gesamtkosten über alle Unternehmen hinweg nur auf dem fünft- respektive drittletzten Platz zu finden.

Allerdings gibt es bei der Einschätzung dieses Themas je nach Unternehmensgröße deutliche Unterschiede. In großen Unternehmen spielt die Kontrolle der Gesamtkosten im GTM eine deutlich größere Rolle als in Unternehmen unter 500 Mitarbeitern. Rund 56 Prozent der großen Firmen messen dem Thema eine sehr hohe bzw. hohe Bedeutung zu – im Gegensatz zu nicht einmal 30 Prozent bei den Unternehmen mit unter 500 Mitarbeitern. Bei der Optimierung der Supply Chain unter Abgaben-Aspekten findet sich ein ähnliches Bild.

Unternehmen haben ihre Hausaufgaben gemacht

Trotz der derzeitigen Dynamik und Unsicherheit im Außenhandel mit sich häufig ändernden Vorschriften und Verordnungen: Die Unternehmen scheinen erfolgreich den aktuellen Herausforderungen zu trotzen. So sind die Befragten bei dem für die meisten Unternehmen so wichtigen Themenkomplex Compliance laut der Studie relativ gut aufgestellt (vgl. Abbildung 2). Die größten Schwächen liegen hier bei der Gewährleistung von Rechtssicherheit: 28,4 Prozent der Teilnehmer sehen hier Verbesserungsbedarf bzw. große Defizite.

Abbildung 2: Bei welchen GTM-Aufgaben sehen Unternehmen noch die größten Defizite? (Angaben in Prozent)

Abbildung 2: Bei welchen GTM-Aufgaben sehen Unternehmen noch die größten Defizite? (Angaben in Prozent)

Den größten Handlungsbedarf sehen die Experten insgesamt bei der Erschließung neuer Länder, also einem eher strategischen Thema. 42 Prozent wünschen sich hier mehr Effizienz. Prinzipiell scheinen die Unternehmen bei den Aufgaben, denen sie eine hohe Bedeutung beimessen, ihre Hausaufgaben gemacht zu haben, sodass sie dort jetzt relativ gut aufgestellt sind. Im Umkehrschluss gilt aber auch: Bei Aufgaben, denen sie keine so hohe Priorität einräumen, haben sie noch Optimierungspotenzial. So diagnostizieren rund 40 Prozent der Befragten im Bereich Kosteneinsparungen große Defizite oder meinen, dass Verbesserungen notwendig seien.

Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP)

In den letzten Jahren haben sich bilaterale und multilaterale Handelsabkommen zu einem sehr effektiven Instrument im globalen Handel entwickelt. Obwohl dieses Vorgehen gegen das Grundprinzip der World Trade Organization (Gleichbehandlung aller WTO-Mitglieder) verstößt, überwiegen die Vorteile der bilateralen und regionalen Handelsabkommen so stark, dass die WTO diesen trotzdem regelmäßig zustimmt. Handelsabkommen können dabei unterschiedliche Ausprägungen haben. In dieser Studie werden sowohl Präferenz- als auch Freihandelsabkommen betrachtet. Präferenzabkommen regeln insgesamt zwischenstaatliche Beziehungen und gewähren Handelsvorzüge, etwa durch geringere Zölle für die beteiligten Partner.

Ein Freihandelsabkommen ist ein völkerrechtlicher Vertrag, der Freihandel zwischen den vertragsschließenden Staaten gewährleistet und Handelshemmnisse wie Zölle oder Mengenbeschränkungen abschafft. Präferenzabkommen sind ein integraler Bestandteil eines Freihandelsabkommens.

Ein Freihandelsabkommen, das derzeit in der Öffentlichkeit intensiv diskutiert wird, ist das geplante Transatlantische Freihandelsabkommen TTIP (Transatlantic Trade and Investment Partnership). TTIP hieß ursprünglich einmal TAFTA, für "Transatlantic Free Trade Agreement". Um eine Verwechselung mit NAFTA, dem "North American Free Trade Agreement" zu verhindert, erfolgte eine Umbenennung in TTIP.

Es ist ein Freihandels- und Investitionsschutzabkommen in Form eines völkerrechtlichen Vertrags zwischen der Europäischen Union, den USA und weiteren Staaten (vgl. Abbildung 3). Die detaillierten Vertragsbedingungen werden seit Juli 2013 von Vertretern der Europäischen Kommission und der US-Regierung ausgehandelt.

Abbildung 3: Grafische Darstellung der direkten Reichweite des TTIP-Abkommens (rote Länder)

Abbildung 3: Grafische Darstellung der direkten Reichweite des TTIP-Abkommens (rote Länder)

In der Studie wurden die Teilnehmer zunächst darum gebeten, drei Begriffe zu nennen, die ihnen spontan zum Thema TTIP einfielen. Grob lassen sich die 335 gesamten Nennungen in drei Bereiche einteilen: rund 35 Prozent der Begriffe beziehen sich auf das Abkommen selbst und auf den Verhandlungsprozess. 33 Prozent der Äußerungen nehmen kritisch zum Inhalt oder zu den Auswirkungen des geplanten Freihandelsabkommens Stellung (vgl. Abbildung 4). Schließlich sind rund 24 Prozent der Nennungen als positive Stellungnahmen einzuordnen (vgl. Abbildung 5). Darüber hinaus sind rund 8 Prozent sonstige Äußerungen, die diesen drei Bereichen nicht eindeutig  zuzuordnen sind.

Die Begriffe zum Abkommen sind überwiegend neutrale Definitionen, oder es werden die beteiligten Partner genannt. Interessant ist, dass auch Kanada erwähnt wird. Tatsächlich gilt das im September 2014 veröffentlichte europäisch-kanadische Freihandelsabkommen CETA (Comprehensive Economic and Trade Agreement) als Blaupause für das Freihandelsabkommen mit den USA.

Abbildung 4: Spontanes Stimmungsbild zu TTIP (negativ)

Abbildung 4:  Spontanes Stimmungsbild zu TTIP (negativ)

"Notwendig", "wichtig" oder "zwingend erforderlich" – die Befürworter des transatlantischen Freihandelsabkommens formulieren ebenfalls deutlich. Als Vorteile nennen sie vor allem die Beseitigung von Handelshemmnissen, neue Marktchancen und positive Effekte auf die wirtschaftliche Entwicklung. Konkret erwähnt werden auch verschiedene Vereinfachungen der Abläufe im Außenhandel sowie klare Einsparungen beim Zoll.

Abbildung 5: Spontanes Stimmungsbild zu TTIP (positiv)

Abbildung 5: Spontanes Stimmungsbild zu TTIP (positiv)

Ein Kritikpunkt, der immer wieder aufkommt: Die mangelnde Transparenz über die Verhandlungsprozesse des Abkommens. Diese wurde auch in den Medien und in der Politik das ganze Jahr über sehr kritisch diskutiert, so die Studienautoren. So wundert es nicht, dass sich 79 Prozent der Befragten ebenfalls nicht gut informiert fühlen. Lediglich ein Fünftel findet, dass wichtige Informationen über TTIP einigermaßen transparent und zugänglich sind. Zudem sind die meisten Studienteilnehmer der Meinung, dass die Interessen der Unternehmer bei den Verhandlungen eher nicht berücksichtigt werden.

Chancen, Risiken und Auswirkungen von TTIP

Unabhängig davon, wie die Befragten zu TTIP stehen – insgesamt 54 Prozent der Experten glauben, dass das Abkommen eine "große Relevanz" für ihr Unternehmen haben wird. Nur 10 Prozent sind der Meinung, dass sie das Thema gar nicht betrifft (vgl. Abbildung 6). Hier wird deutlich, dass TTIP starke Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen haben wird, so die Autoren.

Und obwohl viele Unternehmen bereits die Potenziale des Präferenzrechts – zum Beispiel im Warenverkehr mit der Schweiz – nutzen, glauben immerhin 39 Prozent der Befragten, dass sich die  Nutzung von Präferenzrechten durch TTIP weiter ändern wird. Es ist also davon auszugehen, dass auch etablierte Prozesse rund um das Thema Präferenzrecht überprüft und angepasst werden müssen.

Abbildung 6: Erwartete Auswirkungen auf das eigene Unternehmen (Angaben in Prozent)

Abbildung 6: Erwartete Auswirkungen auf das eigene Unternehmen (Angaben in Prozent)

Schaut man sich die Auswirkungen des Freihandelsabkommen auf die Unternehmen konkreter an, gehen die meisten der befragten Außenhandelsexperten nicht davon aus, dass TTIP positive Effekte auf die finanzielle Entwicklung haben wird (61 Prozent). Und nur jeder zehnte ist klar davon überzeugt, dass sein Unternehmen wirtschaftlich vom Freihandelsabkommen profitieren wird.
Die Effekte auf die Beschäftigungsentwicklung werden noch deutlich verhaltener eingeschätzt. 82 Prozent der Studienteilnehmer glauben nicht, dass TTIP hier zu positiven Entwicklungen im Unternehmen führt.

Insgesamt erwarten die befragen Teilnehmer aus UK deutlich positivere Effekte auf die wirtschaftliche Entwicklung ihres Unternehmens. Jeweils rund 80 Prozent der UK-Experten erwarten einen Anschub ihrer finanziellen Performance und der Beschäftigungsentwicklung (in Deutschland: 33 Prozent bei den finanziellen und 15 Prozent bei den Beschäftigungseffekten).
Die Auswirkungen in diesen beiden Punkten sind zudem abhängig davon, ob die Unternehmen lediglich in kleinem Umfang auf dem US-Markt agieren (Umsatz bis zu 20 Prozent) oder ob die USA für sie ein wichtiger Umsatzträger ist. Letztere schätzen die wirtschaftlichen Effekte für ihr Unternehmen deutlich positiver ein.

Neben den fiskalischen Aspekten spielt bei Freihandelsabkommen auch die Reduzierung der nicht-tarifären Handelshemmnisse eine große Rolle. Bei TTIP ist das nicht anders bzw. sogar recht ausgeprägt. So sehen die meisten Studienteilnehmer in den transatlantischen Verträgen eine Chance, um Handelshemmnisse abzubauen und den Marktzugang zu erleichtern (vgl. Abbildung 7). Ein möglicher Grund: Neuere Abkommen wie TTIP (oder auch CETA) betreffen hochentwickelte Märkte mit hohen Industriestandards, sodass vertragliche Angleichungen hierbei zu konkreten Vereinfachungen führen können. Je ausdifferenzierter und entwickelter die Märkte sind, desto größer ist der Vorteil einer Standardisierung bzw. Harmonisierung, so die Studienautoren.
Beim Thema Kostensenkung und günstigere Preise am Zielmarkt sind die Experten verhaltener. Nicht einmal die Hälfte der Befragten sieht bei diesen Punkten Chancen für das eigene Unternehmen.

Abbildung 7: Chancen für das eigene Unternehmen (Angaben in Prozent)

Abbildung 7: Chancen für das eigene Unternehmen (Angaben in Prozent)

Erleichterte Marktzugänge beeinflussen die gesamten Märkte innerhalb der EU. Mehr als die Hälfte der Unternehmen gehen deshalb davon aus, dass neue Anbieter in den Markt drängen und sich ihre eigene Wettbewerbsposition verschieben kann. Allerdings rechnen gut 40 Prozent der Befragten nicht mit neuen Wettbewerbern, wenn das transatlantische Abkommen greift. Auf einen höheren Preisdruck stellen sich gut zwei Drittel der Experten ein. Vereinzelt werden auch andere Risiken gesehen. Generell ist bei dieser Frage zu berücksichtigen, dass bis zum Inkrafttreten von TTIP voraussichtlich noch einige Jahre vergehen und auch die Unternehmen nicht in naher Zukunft mit dem Abkommen rechnen, so die Autoren weiter. Deshalb ist es interessant, ob sich die Einschätzung der Chancen und Risiken verändert und weiter ausdifferenziert, wenn die Umsetzung näher rückt oder mehr Informationen über die Details bekannt werden, ergänzen die Studienautoren.

Eine mögliche Auswirkung von TTIP könnten veränderte Beschaffungsgewohnheiten sein. Die Untersuchung bestätigt diese Vermutung aber nicht. Gerade einmal jeder vierte Befragte geht davon aus, dass sich durch TTIP neue Impulse für die eigenen Beschaffungsaktivitäten in den USA ergeben. Hingegen geben knapp 74 Prozent an, dass sich am Beschaffungsmarkt keinerlei Veränderungen ergeben werden. Diese Erkenntnis ist nicht zuletzt dahingehend bemerkenswert, weil man sich im europäisch-amerikanischen Handel Impulse auf Seiten der Wirtschaft, speziell für die (in der Studie stark vertretenen) kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) erhofft. So zählt die "Steigerung der Attraktivität von Investitionen" zu einem der zehn vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) genannten Gründe, die für TTIP sprechen. Auch eine verstärkte direkte Beschaffung in den USA durch den Wegfall von tarifären und nicht-tarifären Handelshemmnissen wird offensichtlich nicht gesehen. Für diese  eher nüchternen Einschätzungen mag es zwei Erklärungen geben, so die Autoren weiter: Entweder erwarten die Befragten erst mittelfristig Veränderungen in der Beschaffungsmarktorientierung oder der konkrete Nutzen von TTIP erschließt sich den Teilnehmer noch nicht. Zieht man in Betracht, dass zahlreiche Befragte von einer Umsetzung erst nach 2017 ausgehen, so sind beide Interpretationen möglich und denkbar.

Die RiskNET-Redaktion sprach mit den Autoren der Studie über die wesentlichen Ergebnisse und Erkenntnisse.

RiskNET: Ein Ergebnis der Studie ist recht erstaunlich: Kosteneinsparungen stehen bei den Unternehmen im Global Trade Management nicht als Top-Thema auf der Agenda. Stattdessen haben Risikomanagement bzw. Compliancethemen an  Priorität gewonnen. Die vier Top-Themen stehen ganz im Fokus von Compliance- und Risikomanagement. Sind das die aktuellen schmerzhaften Erfahrungen aus der Ukraine-Krise und anderen geopolitischen Ereignissen?

Dr. Ulrich Lison, Mitglied der Geschäftsleitung bei AEB und Experte für die Bereiche Außenwirtschaft, Präferenzen und internationale Zollverfahren. Ulrich Lison: Diese Ergebnisse sind vor dem Hintergrund der aktuell zahlreichen Krisensituationen weltweit zu sehen, die nicht nur das gefühlte, sondern das tatsächliche  Außenhandelsrisiko beeinflussen. Vor allem die Entwicklungen in Russland und in der Ukraine waren zum Umfragezeitpunkt sehr präsent. Zudem hat die Änderungsdynamik im Exportkontrollrecht deutlich zugenommen. Insofern stehen die Unternehmen derzeit vor der Herausforderung, ihre Prozesse an die sich laufend ändernden gesetzlichen Vorgaben anzupassen.

Dirk H. Hartel: "Kosteneinsparung" steht vermutlich immer auf der Agenda großer Unternehmen, sodass die Teilnehmer hier keine Veränderung gegenüber früheren Erhebungen sahen. Und in der Tat ist Risikomanagement aktueller denn je, denn es sind nicht mehr abstrakte Naturkatastrophen in fernen asiatischen Ländern, sondern Lieferketten-Bedrohungen direkt vor der Haustür in Europa, mit Griechenland sogar in einem Land derselben Wirtschaftsgemeinschaft. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Supply Chain Risk Management kein Modewort darstellt, sondern Teil des täglichen Geschäftsrisikos, und zwar nicht nur für die Logistiker im Unternehmen!

RiskNET: Die Studienergebnisse zeigen auf der anderen Seite, dass die Unternehmen ihre Hausaufgaben erledigt haben. Lediglich 17,9 Prozent der befragten Experten sehen ihre größten Defizite bei der "Einhaltung von Embargo-Vorschriften". 27,6 Prozent sehen aber immerhin ihre größten Defizite bei der "Risikominimierung in der Lieferkette". Spiegeln diese Ergebnisse auch ihre Erfahrungen aus der Praxis wider? Welche Unterschiede zeigen die Studienergebnisse hinsichtlich Unternehmensgröße?

Ulrich Lison: Unsere Erfahrung zeigt: Vor allem die großen Firmen sind beim Thema Rechtssicherheit bereits gut aufgestellt. Bei diesen stehen andere Schwerpunkte auf der Agenda, beispielsweise ein effizientes Risikomanagement in der Supply Chain. Zudem spielen für Großunternehmen die Kontrolle der Gesamtkosten im Global Trade Management eine deutlich größere Rolle. Das zeigt auch unsere Studie: Rund 56 Prozent der Firmen mit mehr als 500 Mitarbeitern messen diesem Thema eine sehr hohe bzw. hohe Bedeutung zu – im Gegensatz zu nicht einmal 30 Prozent bei den Unternehmen mit unter 500 Mitarbeitern.

Professor Dr. Dirk Hartel, Studiengangsleiter BWL-Dienstleistungsmanagement an der DHBW StuttgartDirk H. Hartel: In der Tat konnten wir mit der Studie nachweisen, dass das Antwortverhalten an dieser Stelle stark von der Unternehmensgröße beeinflusst wurde. Das liegt einerseits an der höheren Relevanz für global aufgestellte Unternehmen, andererseits aber auch an dem nicht immer vorhandenen Bewusstsein bei KMU zu diesem Thema. Ich denke da etwa an mittelständische Logistikdienstleister, die ausschließlich im europäischen Raum agieren. Im Gegensatz zur Größenabhängigkeit waren die Einschätzungen und Einstellungen übrigens nicht branchenabhängig.

RiskNET: Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe dafür, dass die kritischen Stimmen zum geplanten transatlantischen Freihandelsabkommen TTIP überwiegen (33 Prozent kritische Stimmen gegenüber 24 Prozent positiven Stellungnahmen)? Gibt es hier möglicherweise eine direkte Korrelation zur mangelnden Transparenz über die Verhandlungsprozesse des Abkommens?

Ulrich Lison: Ein wesentlicher Grund für die zahlreichen kritischen Stimmen gegenüber TTIP in unserer Untersuchung ist sicherlich der Tenor der medialen Berichterstattung. Über das Abkommen wird äußerst kritisch informiert und vor allem die negativen Aspekte wie das berühmte Chlorhühnchen oder die von Ihnen genannte Intransparenz im Verhandlungsprozess sorgen für Schlagzeilen. Die positiven Auswirkungen finden dagegen wenig Aufmerksamkeit und werden auch immer wieder in Frage gestellt, da es sich ja nur um Schätzungen und Prognosen handelt.

Dirk H. Hartel: Neben der eher einseitigen Berichterstattung und der aus Sicht der Europäer intransparenten Verhandlungsführung sehe ich als eine weitere Ursache die generelle Zurückhaltung in breiten Bevölkerungsschichten gegenüber Veränderungen, sei es globale Abkommen oder logistische Großprojekte. Umso wichtiger wäre es, auch sich ergebende Chancen stärker zu kommunizieren. Im Bereich der Eigenwerbung gibt es gerade in der Logistik noch  Handlungsbedarf, sodass es nicht verwundert, dass die BVL bereits 2010 einen Kurzleitfaden zur PR herausgegeben hat.

RiskNET: Wie bewerten Sie persönlich die Chancen und Risiken aus TTIP?

Ulrich Lison: In der Summe bewerte ich das Handelsabkommen als sinnvoll und notwendig. Sicherlich müssen Rechtsfragen zum Investorenschutz oder auch Verbraucherschutzfragen geklärt sein, hier sollte es keine Abkehr von Standards bzw. rechtsstaatlichen Prinzipien geben. Aber, um es plakativ zu formulieren: Freier Handel schafft Wohlstand. Wenn man die teilweise abstrusen Hürden im internationalen Handel anschaut, kann ich nur sagen: Schluss damit. Es ist an der Zeit die Dinge wieder zu vereinfachen. Zudem droht der EU ein deutlicher Wettbewerbsnachteil, wenn wir uns zu lange Zeit mit dem Abkommen lassen. Schließlich verhandeln die USA auch mit Asien. Und hier ist man deutlich weiter.

Dirk H. Hartel: Wenn wir es schaffen, das Handelsabkommen fair und ausgeglichen zu gestalten, wird davon der Außenhandel dies- und jenseits des Atlantik profitieren. Als Konsument sehe ich natürlich auch das Risiko eines Absenkens bisheriger europäischer Standards, aber auch ganz klar den Vorteil, dass ich durch freien und sozialen Wettbewerb von sinkenden Preisen profitieren kann.  

RiskNET: Welche Empfehlungen geben Sie Unternehmen mit auf den Weg, um die Chancen aus dem geplanten Freihandelsabkommens TTIP zu nutzen und die Risiken möglichst zu begrenzen?

Ulrich Lison: Die meisten von uns befragten Experten rechnen nicht damit, dass TTIP vor dem Jahr 2017 in Kraft treten wird. Bis dahin muss das Abkommen in einem ersten Schritt erst einmal vollständig ausgearbeitet werden, um im Anschluss auf beiden Seiten zahlreiche Zustimmungsgremien zu überwinden. Insofern könnte man sagen, abwarten. Aber ich empfehle den Unternehmen das Thema "Präferenzregelungen" jetzt anzugehen. Mein Aufruf an die Unternehmen: Nutzen sie die Zeit. Wenn das Abkommen da ist, werden in den Unternehmen für eine schnelle Umsetzung vielleicht die Ressourcen fehlen.

Dirk H. Hartel: Der zeitliche Vorlauf mag dazu führen, dass einige Unternehmen die Relevanz noch nicht erkennen können. Allerdings sollte man berücksichtigen, dass die Präferenzregelungen auch neue Prozesse mit sich führen können, die eine IT-Anpassung erforderlich erscheinen lassen. Da in vielen Unternehmen die IT jedoch einen zeitlichen Engpass darstellt, empfehle ich, schon heute über das TTIP von morgen nachzudenken und die Basis hierfür zu schaffen. Es geht selbstverständlich nicht darum, bereits 2015 alles bis ins Detail auszuplanen, ein Masterplan sollte aber zumindest stehen.

RiskNET: In Europa machen sich nicht wenige Bürger, Verbraucherschützer und Politiker Sorgen darüber, dass in Zukunft gentechnisch veränderte Lebensmittel aus den USA importiert werden. Steht das Thema bei den TTIP-Verhandlungen auch auf der Agenda?

Ulrich Lison: Generell wird TTIP wohl auch Einfluss auf den Landwirtschaftssektor haben. Wie dieser Einfluss aussehen könnte, hat eine Studie im Auftrag der Bundestagsfraktion der Grünen untersucht. Diese kommt laut Spiegel Online zu dem Ergebnis, dass mit dem Abkommen "sehr wohl beabsichtigt ist, die Standards für Umwelt- und Verbraucherschutz im Bereich der Agro-Gentechnik abzusenken". Die Studie hat dabei Rückschlüsse aus den Text des bereits verhandelten, aber noch nicht unterzeichneten CETA-Abkommens mit Kanada gezogen, der als eine Art Blaupause für TTIP gilt.

RiskNET: Wie ist der derzeitige Stand der TTIP-Verhandlungen?

Ulrich Lison: Die neue EU-Kommission ist ihrem Versprechen nachgekommen, mehr Transparenz in den Verhandlungsprozess zu bringen. Interessierte Bürger und Unternehmen können unter trade.ec.europa.eu/doclib/press/index.cfm Einblick in die Textentwürfe des Abkommens nehmen. Zusätzlich zu diesen ziemlich technischen und komplizierten Dokumenten hat die EU auch einige besser lesbare Positionspapiere zu unterschiedlichen Bereichen des Abkommens veröffentlicht. Dazu zählt auch der besonders umstrittene Investorenschutz samt der geplanten internationalen Schiedsgerichte. Allerdings fehlt hierzu der konkrete Textvorschlag.

RiskNET sprach mit den Autoren der Studie "Global Trade Management Agenda 2015", Professor Dr. Dirk Hartel, Studiengangsleiter BWL-Dienstleistungsmanagement an der DHBW Stuttgart, und Dr. Ulrich Lison, Mitglied der Geschäftsleitung bei AEB und Experte für die Bereiche Außenwirtschaft, Präferenzen und internationale Zollverfahren.

Die Fragen stellte Frank Romeike, Chefredakteur des Kompetenzportals RiskNET.

[ Bildquelle: © Wolfilser - Fotolia.com ]


Kommentare zu diesem Beitrag

Redaktion RiskNET/05.03.2015 18:06
Die Bundesregierung will das geplante Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA (TTIP) noch in diesem Jahr unterzeichnen. Das macht Bundeskanzlerin Angela Merkel deutlich. Das Abkommen sei wichtig. Sie werde darauf dringen, dass "unsere Standards durchgesetzt werden", sagte sie. (Süddeutsche S. 1)

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