Rezension

Eine heimliche Weltmacht greift nach unserem Geld

Black Rock

Frank Romeike [Chefredakteur RiskNET]17.08.2015, 18:10

Kein Unternehmen verwaltet so viel Geld wie der US-amerikanische Vermögensverwalter BlackRock mit Sitz in New York. Über die Analyse- und Handelsplattformen des  größten Akteurs in der undurchsichtigen Welt der so genannten Schattenbanken fließen 14 Billionen US-Dollar (eine Zahl mit 12 Nullen). Das bedeutet, dass inzwischen über fünf Prozent aller Finanzwerte weltweit – Aktien, Anleihen, Devisen, Kreditbriefe, Derivate und Zertifikate – über die IT-Systeme von BlackRock laufen. Zum Vergleich: Das Bruttoinlandsprodukt – also der  Gesamtwert aller Güter, die innerhalb eines Jahres innerhalb der Landesgrenzen einer Volkswirtschaft hergestellt wurden – summierte sich für Deutschland im Jahr 2014 auf rund 3,6 Billionen US-Dollar.

Gegründet wurde das Unternehmen im Jahr 1988, zunächst als Financial-Management-Gruppe innerhalb der Blackstone Group. Ein Start-up, gegründet buchstäblich im Hinterzimmer der Private-Equity-Gesellschaft Blackstone. Gründer von BlackRock war Lawrence Fink, genannt Larry. Der Sohn eines Schuhladenbesitzers in San Francisco verfügte über exzellente Studienabschlüsse und gilt als brillanter Kopf. Nach dem Studium lernte er sein Handwerkszeug zunächst bei der Investmentbank First Boston, die später von der Credit Suisse geschluckt wurde. Dort beschäftige sich Fink vor allem mit der Verbriefung von Hypotheken. Fink bastelte aus Krediten Wertpapiere, die anschließend an Investoren verkauft werden konnten. Doch da Fink und seine Leute Zinsbewegungen falsch prognostiziert hatten, folgte im Jahr 1986 der tiefe Absturz. Aus Larry war Loser Larry geworden. Doch bereits im Februar 1988 meldete sich Blackstone bei ihm – und damit war das Fundament für BlackRock präpariert. Doch Fink hatte sich die Finger verbrannt und ging hart mit sich ins Gericht: Sie hätten das Risiko, das sie mit ihren Handelstransaktionen eingingen, nicht ausreichend verstanden. Die damaligen Computerprogramme seien viel zu grob gewesen. Sie seien nicht in der Lage gewesen, zu kalkulieren, was passieren würde, wenn wichtige Parameter – wie etwa die Zinsen – sich änderten. Für Fink war daher klar, dass er nie wieder in eine Position geraten wolle, in der er die Risiken nicht abschätzen kann. Daher gingen er und sein Team daran, ein Computersystem zu bauen, dass alle Risiken methodisch fundiert erfasst und bewertet. "BlackRock verabschiedete sich von Trader-Instinkten und versuchte sie stattdessen durch Computermodelle zu ersetzen, die mit immer mehr Informationen gefüttert wurden", so die Wirtschaftsjournalistin und Autorin Heike Buchter.

Aladdin ist Larry Finks Paranoia in Sachen Risiko, umgesetzt in 25 Millionen Zeilen Computer-Code. Rob Goldstein gehört zu den Pionieren bei Blackrock und ist heute Chef von BlackRock Solutions sowie Hüter von Aladdin. Hinter dem 1001-Nacht-Namen verbirgt sich der Name "Asset Liability and Debt, Derivative Investment Network". Das gigantische Datenanalysesystem besteht aus einem Heer von Analysten und rund 6000 Großrechnern, die Hunderte Millionen Kalkulationen pro Woche ausführen. Diese Rechnerkapazität braucht Aladdin, um täglich, stündlich, minütlich und teilweise sogar sekündlich auszurechnen, welchen Wert die Aktien, Bonds, Devisen oder Kreditpapiere haben, die in den milliardenschweren Anlageportfolios liegen. Parallel rechnet Aladdin viele Szenarien durch: Wie wird sich der Wert des Portfolios verändern, wenn sich das Umfeld verändert, etwa die Konjunktur einbricht, wenn Währungskurse purzeln, die Weizenernte in Kanadas einer Dürre zum Opfer fällt oder der Ölpreis klettert? Das sind "Was-wäre-wenn-Analysen" in methodischer Perfektion. Es ist eine Art Kernspintomograph für die Anlageportfolios von institutionellen Investoren, erläutert Goldstein den Kern von Aladdin.

Der große Durchbruch gelang BlackRock mit einem Auftrag vom Mischkonzern General Electric (GE). BlackRock erhielt die Aufgabe, das notleidende Hypothekenportfolio der GE-Tochter Kidder Peabody & Co., einer Investmentbank, zu durchforsten. "Das Kidder-Peabody-Portfolio galt damals als einer der komplexesten Investmentpools überhaupt", sagt Goldstein. Und diese Aufgabe lösten die Experten mit ihren Analysesystemen mit Bravour. Und dann kam die Finanzkrise, die große Stunde für BlackRock. Kein Marktteilnehmer kannte die komplexen Zusammenhänge der Hypothekenpapiere besser als Fink und seine Experten. So analysierten die BlackRock-Profis und deren Datenanalysesysteme unter anderem die Portfolien von Bear Stearns und vom Versicherungsgiganten AIG. BlackRock hat durch die Finanzkrise an Relevanz, Macht und Kapital gewonnen. Heike Buchter weist in ihrem Buch darauf hin, dass BlackRock besser an die neue Finanzwelt angepasst war, als der Rest der Marktteilnehmer. Für BlackRock zählen vor allem Zentralbanken zu den wichtigsten Kunden. 50 Zentralbanken haben BlackRock bereits engagiert, um unter anderem deren Reserven zu managen. "So haben die Notenbanken Aufgaben übernommen, die Politiker bei der Krisenbewältigung nicht übernehmen können oder wollen. Und die Helfer an ihrer Seite sind BlackRock, Pimco & Co., die mit der konkreten Umsetzung der Maßnahmen wie Stresstests und Anleihekaufprogramme beauftragt werden", so die Autorin weiter.

Die wichtigste Innovation, mit der BlackRock unser Finanzsystem grundlegend umkrempelt, sind ETFs. ETF steht für Exchange Traded Funds, gemeint sind börsengehandelte Investmentfonds. "Was dabei gerne übersehen wird: ETFs blühen und gedeihen im Reich der Schattenfinanz", so Autorin Heike Buchter. ETFs bilden in der Regel einen Börsenindex wie zum Beispiel den DAX, Eurostoxx50 oder Dow Jones ab. Doch neben Aktienindizes können auch Renten-, Rohstoff-, Immobilienindizes oder Devisenpreise abgebildet werden. Damit der repräsentative Index möglichst exakt nachgebildet werden kann, investieren die Exchange Traded Funds das Kapital im gleichen Verhältnis in die Basiswerte, wie sie dem Index zu Grunde liegen. Dies ist auch ein Grund, warum BlackRock zu einem Großeigentümer der Deutschland AG geworden ist und an allem, was in der deutschen Wirtschaft Rang und Namen hat, Anteile hält. "So schnell und gründlich hat selten ein Produkt die weltweiten Wertpapiermärkte umgekrempelt. Nach den ersten Prototypen Anfang der 1990er waren es im Jahr 2000 nicht ganz 100 ETFs – Ende 2010 waren es über 2500. 2014 hatten Anleger bereits rund 2,7 Billionen Dollar in die weltweit 6700 ETFs gegossen", beschreibt die Autorin den raketenhaften Aufstieg. Im Bereich der ETFs hält BlackRock mit seinen iShares einen Marktanteil  von rund 40 Prozent in den USA und rund 45 Prozent in Europa. Detailliert und kenntnisreich setzt sich die Autorin mit den Chancen und Risiken der ETFs auseinander.

Die Finanzjournalistin Heike Buchter liefert mit ihrem Buch auf eine sehr anschauliche und unterhaltsame Weise Einblicke in die Geschichte und Gegenwart von BlackRock. Sie beschreibt in ihrem Buch detailreich und kenntnisreich die Hintergründe eines Weltkonzerns, den kaum jemand kennt. Fazit: Ein Lesevergnügen für jeden Kapitalmarkt- und Risikomanagement-Interessierten. Risikomanager werden viel über professionelles und weniger professionelles Risikomanagement lernen. Nach seinen traumatischen Erlebnissen bei First Boston war für Fink klar: Modernes Risikomanagement in einer komplexen Finanzwelt muss anderes aussehen als noch vor vielen Jahrzehnten. BlackRocks oberster Risikomanager hört auf den Namen Aladdin und ist ein Cluster aus Tausenden von Hochleistungsrechnern, die jede Sekunde Szenarien durchsimulieren. Bleibt zu hoffen, dass Aladdin die richtigen Szenarien auf dem Radar hat.



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