News

European Fraud Survey 2011

Bestechung und Korruption sind in vielen Märkten nach wie vor Routine

Redaktion RiskNET21.07.2011, 16:18

Laut einer Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young sind Schmiergelder, Geschenke und "Unterhaltungsprogramme" für 17 Prozent der Mitarbeiter großer Unternehmen in ganz Europa akzeptable Mittel, den Umsatz zu steigern. In Deutschland bezeichnen immerhin noch zwölf Prozent solche Maßnahmen als gerechtfertigt. Besonders ausgeprägt ist die Bereitschaft zu "Geldgeschenken" in Griechenland und Russland, am ehrlichsten geht es dagegen in Frankreich und Norwegen zu. Europaweit geben zwei Drittel der Befragten an, dass Korruption in ihren Ländern nach wie vor gängige Praxis ist – besonders hoch ist der Anteil in den Emerging Markets. In Deutschland sind 45 Prozent der Beschäftigten der Meinung, dass es im Geschäftsleben häufig zu Korruption kommt. Etwa 60 Prozent aller Befragten gehen außerdem davon aus, dass es ihre Führungskräfte in schwierigen Zeiten mit der Moral nicht so genau nehmen, um geschäftliche Ziele zu erreichen. Diese Meinung teilen sogar 78 Prozent der befragten Vorstände und Geschäftsführer.

Europaweit geben zwei Drittel der Befragten an, dass Korruption in ihren Ländern nach wie vor gängige Praxis ist – besonders hoch ist der Anteil in den Emerging Markets. In Deutschland sind 45 Prozent der Beschäftigten der Meinung, dass es im Geschäftsleben häufig zu Korruption kommt.

Korruption bei deutschen Unternehmen weniger verbreitet

Offenbar gibt es einen Zusammenhang zwischen Korruptions-Toleranz und der Intensität, mit der die Unternehmen in den verschiedenen Ländern unter der Krise gelitten haben. Darauf deuten einige Ergebnisse aus Deutschland hin, das diese Phase insgesamt besser überstanden hat als viele andere Nationen. Während in ganz Europa 27 Prozent der Befragten befürchten, dass noch mehr Firmen in finanzielle Nöte geraten, sind es in Deutschland nur 4 Prozent.

Der geringere Druck schlägt sich augenscheinlich in einer höheren Moral bei deutschen Unternehmen nieder: Nur 3 Prozent der deutschen Topmanager und 12 Prozent des übrigen Personals halten Schmiergelder für legitime Mittel der Geschäftsausweitung – 2009 war noch jeder Vierte so verständnisvoll. In Europa sind es in diesem Jahr 18 Prozent der Topmanager und 17 Prozent der übrigen Mitarbeiter. Mit den strengeren Maßstäben hat sich auch eine andere Wahrnehmung des Umfelds eingestellt. Während europaweit 65 Prozent der Befragten die Bestechung als weit verbreitetes Vorgehen einstufen, sind es in Deutschland 45 Prozent. Und nur 14 Prozent der Deutschen beobachten Schmiergeldzahlungen in der eigenen Branche – der europäische Durchschnitt liegt doppelt so hoch.

Unternehmen verstärken Anti-Korruptionsmaßnahmen

Bestechung und Korruption haben in der Zwischenzeit nicht mehr das Image von Kavaliersdelikten, sondern von eindeutig kriminellen Handlungen. Dies ist vor allem eine Folge dessen, wie Staatsanwälte und Richter, die Öffentlichkeit und nicht zuletzt die Firmen selbst mit solchen Straftaten umgehen. Die Studienautoren stellen fest, dass in der Zwischenzeit viele Unternehmen aktive Prävention betreiben. In Deutschland beispielsweise investieren immer mehr Unternehmen in Anti-Korruptions-Trainings. Gut 15 Prozent der Befragten geben in diesem Jahr an, an solchen Schulungs-Maßnahmen teilgenommen zu haben. Vor zwei Jahren waren es immerhin auch schon 11 Prozent.

Der rigidere Umgang mit den geschäftsfördernden Maßnahmen hat seine Wirkung nicht verfehlt. Heute sind 90 Prozent der deutschen Mitarbeiter überzeugt, dass die Staatsanwaltschaften ernsthaft gewillt sind, Fehlverhalten zu verfolgen. Mit dieser Auffassung steht Deutschland gemeinsam mit Norwegen auf dem dritten Platz unter den Top Fünf der Rechtsbewussten, nach Schweden und der Schweiz und vor Großbritannien. Schlusslichter dieser Rangliste sind Russland, Tschechien, Kroatien, die Ukraine und Irland.

Regionale Unterschiede sind oft kulturell oder historisch bedingt. In vielen Ländern existiert kein Unrechtsempfinden, weil es seit Jahrhunderten üblich ist, dass eine Hand die andere wäscht. Dort wird es noch einige Zeit dauern, bis sich eine Compliance-Kultur durchsetzt, so die Studienautoren. Auch das wird in der Studie erkennbar. Während 46 Prozent der Beschäftigten in den entwickelteren Staaten Korruption als weit verbreitet ansehen, sind es in den Emerging Markets 81 Prozent.

Ähnlich die Relationen bei der Frage nach der eigenen Branche: In den meist westlichen Industrieländern konzedieren 20 Prozent der Befragten Schmierpraktiken im eigenen Umfeld, in den Emerging Markets sind es 38 Prozent, fasst doppelt so viele.

Mitarbeiter fordern stärkere Überwachung und Sanktionen

Doch selbst die Unternehmen in den entwickelten Märkten tun sich nicht immer leicht, eine wirksame Kultur der Rechtschaffenheit zu installieren. Es spricht für sich, dass 45 Prozent der Befragten in Europa für eine verstärkte Überwachung durch die Aufsichtsorgane sind, 31 Prozent plädieren sogar dafür, dass Behörden und Regulierer ihr eigenes Unternehmen genauer unter die Lupe nehmen sollten.

Hier signalisieren die deutschen Zahlen – 16 Prozent für die generell verstärke Überwachung, 13 Prozent für verschärfte Aufsicht im eigenen Unternehmen – abermals, dass das Vertrauen in die Wirksamkeit der internen und externen Maßnahmen vergleichsweise groß ist. Aber: Auch in Deutschland haben nur rund 50 Prozent der Unternehmen Verhaltenscodices und definierte Anti-Korruptions-Richtlinien. Weniger als die Hälfte der Mitarbeiter glauben, dass die Strafen für Verstöße gegen solche Richtlinien klar geregelt sind. Und nur 44 Prozent der befragten Deutschen meinen, dass moralisches Verhalten bei der Beurteilung ihrer Leistungen eine Rolle spielt.

Korruption wird (zu) selten geahndet

Doch nur gut ein Viertel – in Deutschland sogar nur ein Fünftel – der  Befragten berichtet davon, dass Kollegen im Unternehmen für Korruptionsdelikte tatsächlich bestraft wurden. Ebenso wenig trägt es zur Motivation bei, wenn fast 60 Prozent der Befragten (und die Hälfte der Führungskräfte selbst) meinen, dass ihr Management es mit dem Recht nicht mehr so genau nehmen würde, ginge es darum, in diesen schwierigen Zeiten geschäftliche Zielvorgaben zu erreichen.

Jeder zweite - in den Emerging Markets zwei Drittel – meint, dass die Korruption viel zu verbreitet ist, um ihr beikommen zu können. Stark vertreten sind zudem die Meinungen, dass Behörden und Regulierer nicht mit ausreichender Gesetzesmacht und mit genügenden Ressourcen ausgestattet sind.


[Bildquelle: iStockPhoto]



Kommentare zu diesem Beitrag

Keine Kommentare

Themenverwandte Artikel

Interview

Garantenpflicht

Haftung eines Risikomanagers

Redaktion RiskNET16.07.2018, 19:30

Der Bundesgerichtshof (BGH) hat in seinem Urteil vom 17.07.2009 (Az 5 StR 394/08) einen Leiter einer Rechtsabteilung und Revision wegen Beihilfe zum Betrug durch Unterlassen zu einer Geldstrafe von...

Studie

Qualitative Evaluationsstudie

Risikomodellierung, Predictive Analytics und Big Data

Frank Romeike | Stefan Trummer19.06.2018, 08:07

Das Banken- und Versicherungsumfeld ist seit vielen Jahren im Umbruch. Dazu haben in nicht unerheblichem Maße die Aufsichtsbehörden und Standardsetter beigetragen. Wurden bis Mitte der 2000er...

Interview

Mundus vult decipi

Was tun mit Fake News?

Redaktion RiskNET06.06.2018, 14:24

Wahrheit oder Lüge? Wer kann das in unseren digitalen Zeiten noch beantworten? Umso wichtiger sind klare Parameter und ein methodisch sauberes Vorgehen, um Fake News zu enttarnen. Dafür plädiert...

Kolumne

Machine Learning-basierte Klassifikation von Marktphasen

Krisen frühzeitig identifizieren

Dimitrios Geromichalos [RiskDataScience]23.05.2018, 12:30

Wie in der Vergangenheit immer wieder beobachtet werden konnte, verhalten sich Märkte oftmals irrational und zeichnen sich – neben dem "Normal-Zustand" – durch Phasen im Krisen- und...

Kolumne

Geopolitik und Ökonomie

Über den Einfluss politischer Krisen

Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.16.05.2018, 11:45

Mehr als sonst ist in den Börsenkommentaren in diesem Jahr nicht nur von ökonomischen Faktoren die Rede. Immer mehr Raum wird den politischen Krisenherden in der Welt eingeräumt. Da geht es um Iran...