Rezension

Grenzen der Entscheidung oder: Eine Freundschaft, die unser Denken verändert hat

Aus der Welt

Redaktion RiskNET23.05.2017, 08:57

Nicht nur im Kontext Risikomanagement interessieren wir uns für die Frage, wie wir zu unseren Entscheidungen gelangen und warum wir so oft daneben liegen? Die Sehnsucht nach Gewissheit, wo es keine gibt, treibt Menschen im Innersten an. Autor Michael Lewis erkundet entlang der einzigartigen Freundschaft von Daniel Kahneman und Amos Tversky, wie menschliche Entscheidungsprozesse davon beeinflusst sind.

Das Buch widmet sich dem Prozess menschlicher Entscheidungsfindung. Im Mittelpunkt steht die Frage: Wie kommen wir zu unseren Urteilen? Bauch oder Kopf, Emotion oder Statistik: Lewis führt uns in einem meisterhaften erzählerischen Ritt an die Grenzen unseres Denkens. Die Helden in Lewis' neuestem Streich sind die weltbekannten Psychologen und Begründer der Verhaltensökonomie Daniel Kahneman und Amos Tversky. Daniel Kahneman war sich immer sicher, dass er sich irrte. Amos Tversky war sich immer sicher, dass er recht hatte. Die Forscher haben unsere Annahmen über Entscheidungsprozesse völlig auf den Kopf gestellt. So haben sie bewiesen, dass Menschen systematische Fehler machen, wenn sie in unabwägbaren Situationen Entscheidungen treffen müssen. Und festgestellt, dass das Bedürfnis, Dinge einzuordnen und zu verstehen, so groß ist, dass Menschen mitunter Geschehnissen im Nachhinein einen Sinn geben, wo keiner war, und Situationen rückblickend neu interpretieren. Kahneman und Tversky haben die Grenzen menschlicher Intuition ergründet und sind mehr als jeder andere verantwortlich für den mächtigen Trend, dem Instinkt zu misstrauen und auf Algorithmen zu setzen. Kurzum, in Entscheidungssituationen sollte man statistisch denken, aber der Mensch denkt nicht statistisch. Das ist ein Dilemma.

Lewis erzählt in seinem Buch nicht nur die Geschichte ihrer tiefen und außergewöhnlich produktiven Freundschaft, sondern spinnt den Faden weiter. "Aus der Welt" bringt auch die Gewissheit statistischer Entscheidungen ins Wanken. An faszinierenden Beispielen aus Sport, Wirtschaft, Medizin und dem Wissenschaftsbetrieb betrachtet er die psychologische Komponente von Entscheidungsprozessen, die nicht nur in Bauchentscheidungen, sondern auch in statistischen Modellen Wirkung entfaltet.

Anhand zweier Figuren, deren Geschichte allein filmreifen Stoff bietet, entspinnt der Autor ein faszinierendes Gewebe über vermeintlich sichere Annahmen, folgenreiche Denkfehler und die zutiefst menschliche Sehnsucht nach einer Gewissheit, die es nicht gibt.

Das Buch ist spannend geschrieben, hoch informativ und kurzweilig. Je nach Kapitel merkt man dem Buch an, dass Michael Lewis weder Psychologe noch Stochastiker ist. Viele Ausführungen sind etwas langatmig und kompliziert formuliert. Wer die Aussagen von Kahneman und Tversky in der Tiefe verstehen will, sollte ergänzend das Grundlagenwerk von Kahneman "Schnelles Denken, langsames Denken" lesen.

Trotz alledem liefert das Buch von Lewis jede Menge Denkanstöße, damit wir in Entscheidungssituationen nicht nur unserer Intuition folgen und vielleicht die eine oder andere Denkfalle erfolgreich umschiffen.



Kommentare zu diesem Beitrag

Keine Kommentare

Themenverwandte Artikel

Kolumne

Methoden im Risikomanagement

Komplex oder kompliziert – das ist die Frage

Frank Romeike | Herbert Saurugg06.10.2017, 11:02

Nachdem wir immer wieder auf die fälschliche Verwendung des Begriffs "Komplexität" stoßen, möchten wir mit diesem Beitrag eine einfach verständliche Erklärung liefern, was unter Komplexität...

Interview

Quo vadis Big Data?

Big Data und die Welt der Algorithmen und Analysen

Redaktion RiskNET22.09.2017, 12:52

Big Data ist en vogue. Vor allem die Wirtschaft trommelt seit Jahren für einen stärkeren Einsatz neuer Analysemethoden. Der Glaube: alles zu jeder Zeit im Blick haben und vorausschauend bestimmen zu...

Interview

IDW PS 981

Licht und Schatten im Risikomanagement

Redaktion RiskNET28.08.2017, 08:19

Die jüngst veröffentlichte "Risikomanagement Benchmarkstudie 2017" des Prüfungs- und Beratungsunternehmens Deloitte zeigt, dass viele...

Kolumne

Struktur des Unternehmens-Risikomanagements

Synergien im Risikomanagement schaffen

Bruno Brühwiler01.08.2017, 07:30

Wenn mehrere Personen über den Inhalt von Risikomanagement in komplexeren Organisationen diskutieren, entsteht schnell ein Konsens über die Anwendung des Risikomanagement-Prozesses...

Interview

Wie wir Krisen erleben und bewältigen

Krisen sind das beste "Resilienztraining"

Redaktion RiskNET23.07.2017, 06:30

Ingenieure sprechen von einem resilienten System, wenn bei einem Teilausfall nicht alle technischen Systeme vollständig versagen. Ein Ökosystem gilt dann als resilient, wenn es nach einer Störung zum...