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Aktien und die Eurokrise

Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.31.08.2012, 08:10

Was verbindet Deutschland mit Ländern wie der Türkei, Pakistan, Venezuela oder Ägypten? Eigentlich nicht viel, würde man auf den ersten Blick sagen. Außer der Tatsache natürlich, dass diese Staaten für deutsche Unternehmen und Investoren wichtige Partner sind. Was aber die Wenigsten wissen: Diese Länder gehören zusammen mit Deutschland (und einigen anderen Plätzen in der Welt) zu den Aktienmärkten mit den größten Kurssteigerungen der Welt in diesem Jahr.

In Deutschland sind die Aktienkurse seit Anfang Januar per Saldo um insgesamt 19 % gestiegen. In der Türkei waren es 29 %, in Ägypten 42,5 %, in Pakistan 32,2 % und in Venezuela sogar 150 %. Die Entwicklung in diesen Ländern ist aber nicht unmittelbar vergleichbar mit der in Deutschland. Es handelt sich zumeist um enge Märkte, bei denen schon geringe Bewegungen zu großen Kursausschlägen führen. In der Vergangenheit waren die besten Aktienperformer in der Regel Länder mit relativ kleinen Märkten (die daher auch schwer prognostizierbar sind).

Wichtiger ist, dass die deutsche Aktienmarktentwicklung unter den Industrieländern als einsame Spitze herausragt (siehe Grafik). In den meisten Staaten erhöhten sich die Kurse der Dividendenpapiere seit Jahresbeginn bestenfalls nur halb so stark: USA 7,8 %, Japan 8 %, Großbritannien 3,6 %, Schweiz 9,1 %. In China haben sich die Kurse in den ersten acht Monaten dieses Jahres sogar um 4,2 % verringert.
Die gute Aktienmarktentwicklung in Deutschland ist ungewöhnlich. Die Bundesrepublik gilt normalerweise nicht als Aktienland. Ihre Stärke sind eher Rentenpapiere. Weshalb ist das diesmal anders?

Deutsche Aktien im Spitzenfeld: Entwicklung der Aktienkurse seit Anfang 2012 [Quelle: Economist]
Deutsche Aktien im Spitzenfeld: Entwicklung der Aktienkurse seit Anfang 2012 [Quelle: Economist]


Zwei Gründe: Der eine ist, dass sich die deutsche Wirtschaft in einer guten Verfassung befindet. Die Unternehmen haben ihre Produktpalette gestrafft und sich regional auf Wachstumsmärkte ausgerichtet. Die Verbesserungen durch die Hartz-Reformen auf dem Arbeitsmarkt wirken weiter. Die Finanzpolitik hat zwar nicht verhindern können, dass die Staatsverschuldung stark angestiegen ist. Deutschland steht hier aber wesentlich besser da, als viele andere Industriestaaten.

Der zweite Grund ist paradoxerweise die Eurokrise. Sie schadet dem Aktienmarkt nicht, sondern nutzt ihm im Gegenteil. Wir klagen zwar über die hohen Transfers in die Schuldnerstaaten in Südeuropa. Die Unsicherheit über das weitere Schicksal des Euro belastet den Export und die Investitionsentscheidungen der Unternehmen.
Aber es gibt auch eine andere Seite, die oft übersehen wird. Als Folge der Eurokrise sucht unendlich viel Geld aus Südeuropa, Anlagen im Norden. Zuerst ging es vornehmlich in Bundesanleihen. Nachdem die Zinsen aber so tief gefallen sind, fließt es jetzt auch in Immobilien und Aktien. Von Januar bis Mai 2012 haben Ausländer deutsche Aktien in Höhe von EUR 9,8 Mrd. gekauft (unter großen Schwankungen von Monat zu Monat). Das ist mehr als in den letzten zwei Jahren zusammen (EUR 7,6 Mrd.). Es wäre aber merkwürdig, wenn dabei nicht auch Fluchtgelder gewesen wären. Hinzu kommt, dass auch deutsche Anleger aus Mangel an Anlagealternativen bei den niedrigen Zinsen, Aktien erwerben. Die Zahl der deutschen Aktionäre (direkte Aktienanleger plus Fondsbesitzer) ist im ersten Halbjahr 2012 nach Berechnungen des Deutschen Aktieninstituts um 1,5 Mio. gestiegen.

Das kann noch eine Weile so weitergehen. Deutsche Aktien können trotz der schlechter werdenden Konjunktur weiter steigen. Aber eines Tages ist das zu Ende. Manches spricht dafür, dass sich die Eurokrise dem Finale nähert. Es wird den Beteiligten immer klarer, dass das Durchwursteln der vergangenen Jahre nicht hilft. Es muss etwas Grundlegendes geschehen.

Zwei Alternativen sind denkbar. Einmal kann der Euro endgültig auseinanderbrechen. Das wäre ein schwerer Schlag, auch für den Aktienmarkt. Deutschland würde in die Rezession fallen. Die Unternehmen würden unter einer Aufwertung der neuen Währung leiden. Es würden Kapitalverkehrskontrollen eingeführt. Es würde erhebliche Zeit dauern, bis sich die Wirtschaft davon wieder erholt.

Es kann aber auch dazu führen, dass die Eurokrise dadurch überwunden wird, dass die politischen Bedingungen für eine stabile Währungsunion geschaffen werden. Also eine Fiskalunion, eine Bankenunion und letztlich eine politische Union. Das kommt heute vielen unwahrscheinlich vor, weil die Regierungen dazu zu schwach sind. Aber Krisen mobilisieren manchmal ungeahnte Kräfte. Ich gebe sowohl dem Zerfall des Euros, als auch dem stabilen Überleben der Gemeinschaftswährung jeweils eine Wahrscheinlichkeit von 50 %.

Wenn der Euro gerettet wird, dann wäre das ein unglaublicher Schub für den Aktienmarkt. Freilich weniger für die deutschen Kurse, weil es dann weniger Kapitalzuflüsse aus dem Ausland gäbe. Profitieren würden aber Märkte wie Italien, Spanien, auch Griechenland. Ihnen würde helfen, dass das Wachstum wieder auf die Beine käme. Die wirtschaftlichen und finanziellen Strukturreformen würden sich auszahlen. Der Euroraum würde für Investoren zu einer der attraktivsten Regionen der Welt werden.

 

Autor: Dr. Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A. 

 

[Bildquelle: © cirquedesprit - Fotolia.com]

 



Kommentare zu diesem Beitrag

RiskNET Redaktion/04.09.2012 22:11
+++ Wirtschaftsweiser Bofinger: Ohne EZB-Anleihenkäufe zerbricht Euro +++

Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger hält die geplanten Staatsanleihenkäufe der Europäischen Zentralbank (EZB) für alternativlos im Kampf um den Euro-Erhalt. "Wenn die EZB jetzt nicht aktiv wird und Anleihen aufkauft, droht das Auseinanderbrechen der Eurozone", sagte Bofinger der Rheinischen Post, wie dapd berichtet. "Wenn Regierungsmitglieder die EZB kritisieren, müssen sie sich der Tatsache bewusst sein, dass sie damit implizit das Ende der Währungsunion in Kauf nehmen", sagte das Mitglied im Wirtschafts-Sachverständigenrat der Bundesregierung.

"Die EZB ist die einzige funktionsfähige Instanz, die den Euro noch retten kann. Es war absehbar, dass die Rettungsschirme für Italien und Spanien nicht reichen würden, aber die Politik ist untätig geblieben. Nun liegt der Schwarze Peter bei der EZB", sagte Bofinger. Die Anleihenkäufe seien auch mit dem Mandat der EZB vereinbar, allein die Geldwertstabilität im Euroraum zu wahren. "Anleihenkäufe sind durchaus mit dem Mandat der EZB vereinbar, die Geldwertstabilität zu wahren. Denn die EZB muss nicht nur die Inflation, sondern auch die Deflation bekämpfen", sagte Bofinger. "Die Deflationsrisiken nehmen zu, wenn der Großteil der Euro-Länder unter dem überzogenen Marktdruck zu stark sparen muss", sagte er.
RiskNET Redaktion/04.09.2012 22:12
+++ Moody's senkt Ausblick der EU auf negativ +++

Nachdem die Rating-Ausblicke für die Schwergewichtsländer der Europäischen Union bereits auf negativ lauten, hat die Ratingagentur Moody's Investors Service nun auch den Ausblick für die gesamte EU auf negativ gesenkt. Bisher waren die Aussichten für die Kreditwürdigkeit der EU als stabil angesehen worden. Die Bonität der EU wird von Moody's weiterhin mit der Bestnote Aaa bewertet. Doch läßt die Senkung des Ausblicks darauf schließen, dass Moody's der EU möglicherweise die Bestnote entziehen wird.

Der Ausblick für Papiere der EU wurde nach Angaben der Ratingagentur gesenkt, weil auch die Ausblicke für die mit Aaa bewerteten Mitgliedsländer Deutschland, Frankreich, Großbritannien und die Niederlande inzwischen auf negativ zurückgenommen wurden. Auf diese vier Mitgliedsländer entfallen Moody's zufolge rund 45 Prozent des EU-Haushalts.
RiskNET Redaktion/05.09.2012 08:58
+++ Asmussen: Zweifel an Euro-Stabilität nicht akzeptabel +++

EZB-Direktoriumsmitglied Jörg Asmussen hat die Bereitschaft der Europäischen Zentralbank (EZB) zur Verteidigung des Euro bekräftigt. Zwei Tage vor der nächsten EZB-Ratssitzung, bei der Details eines neuen Staatsanleihekaufprogramms vorgestellt werden sollen, sagte Asmussen, dass die Risikoprämien von Staatsanleihen mittlerweile nicht nur das Insolvenzrisiko einzelner Staaten , sondern sogar ein Wechselkursrisiko widerspiegelten. Das dürfe es in einer Währungsunion theoretisch aber nicht geben. "Die Märkte preisen also ein Auseinanderbrechen des Euroraums ein. Für eine Währungsunion sind solche systemischen Zweifel nicht akzeptabel", sagte er.

Nur eine Währung, an deren Bestand es keinen Zweifel gebe, sei eine stabile Währung. Denn diese Zweifel hätten folgenschwere Auswirkungen für die gemeinsame Geldpolitik: "Ein geldpolitisches Signal, wie es die EZB beispielsweise mit der Zinssenkung im Juli gesetzt hat, kommt uneinheitlich oder zum Teil überhaupt nicht in der Realwirtschaft an", sagte Asmussen.

Das deutsche Direktoriumsmitglied verwies auf aktuelle EZB-Daten, aus denen hervor geht, dass kleine Unternehmen in Spanien für einen Kredit bis zu 1 Millionen Euro und einer Laufzeit von mehr als einem und bis zu 5 Jahren derzeit 6,5 Prozent Zinsen zahlten - so viel wie noch nie seit 2008. In Italien seien es aktuell 6,24 Prozent, während der gleiche Kredit in Deutschland für rund 4 Prozent zu haben sei und das bei gleichem Leitzins. "Der Leitzins, der eigentlich leiten soll, tut dies nur noch eingeschränkt", klagte Asmussen.
RiskNET Redaktion/05.09.2012 17:18
+++ HWWI: Rezession im Euroraum dämpft deutsche Konjunktur +++

Das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) blickt pessimistischer auf die Entwicklung der deutschen Wirtschaft als noch vor drei Monaten. Wegen der zugespitzten Lage in den EU-Krisenländern und den ungünstigeren Exportaussichten erwarten die Forscher für 2012 nur noch ein Wachstum von 0,75 Prozent. Vor einem Vierteljahr waren sie noch von 1 Prozent ausgegangen. Für das nächste Jahr sind es nur noch 0,5 Prozent anstatt der zuvor prognostizierten 1,5 Prozent. Die Unsicherheit, wie es mit der Wirtschaft weitergeht, bleibt laut HWWI aber hoch.

Die Lage auf dem Arbeitsmarkt wird sich nach der jüngsten Einschätzung eher verschlechtern. Der Preisdruck ist unter diesen Bedingungen aber sehr gering, so dass die Inflation daher wieder unter die Rate von 2 Prozent sinken dürfte. Neben der Abschwächung der Auslandsnachfrage sieht das HWWI inzwischen auch deutliche Anzeichen für eine Abkühlung der bislang recht guten Binnenkonjunktur. Das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) sei im zweiten Quartal merklich schwächer gewachsen. Mit Sorge sehen die Konjunkturexperten vor allem die zunehmende Zurückhaltung der Unternehmen bei ihren Investitionen in Ausrüstungen.

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