News

Risk-Management-Benchmarking 2010

88 Prozent der Unternehmen ohne Risikostrategie unterwegs

Redaktion RiskNET05.10.2010, 07:05

Der Umgang mit Risiken im Unternehmen der Realwirtschaft und die nachhaltige Steuerung dieser Risiken haben aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklungen seit 2008 stark an Bedeutung gewonnen, so die Experten des Wirtschaftsprüfers PricewaterhouseCoopers (PWC) in der aktuellen Studie "Risk-Management-Benchmarking 2010". Unternehmen müssen auch in wirtschaftlich volatilen Situationen in der Lage sein, Risiken frühzeitig zu erkennen, die Gesamtrisikosituation zu bewerten und durch Einleiten adäquater Gegenmaßnahmen auf sie zu reagieren.

Die Benchmark-Studie zeigt auf, wie sich deutsche Großunternehmen der Realwirtschaft aktuell dieser Herausforderung stellen und wie ihr Risikomanagementsystem (RMS) ausgestaltet ist. Beim Thema Risikomanagement muss unterschieden werden zwischen den Anforderungen an ein Risikofrüherkennungssystem (RFS) nach § 91 II AktG und einem weiterentwickelten RMS, das in die Unternehmenssteuerungsprozesse integriert ist und zum Beispiel auch die Chancenberichterstattung berücksichtigt. Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass die große Mehrheit der untersuchten Großunternehmen die gesetzlichen Anforderungen erfüllt. In Bezug auf ein umfassendes RMS besteht jedoch noch viel ungenutztes Potenzial. Die folgende Abbildung gibt eine Übersicht über die Bewertung der einzelnen RMS-Module.

Dokumentierte, operational anwendbare Risikostrategie fehlt häufig

Die Analyse der PWC-Untersuchung ergab, dass in 88 Prozent der Unternehmen eine dokumentierte, operational anwendbare Risikostrategie fehlt. Diese ist jedoch notwendig, um systematisch die dem Gesamtunternehmen innewohnende Risikogefährdung und seine Risikotragfähigkeit (beispielsweise Liquidität, Eigenkapital, Kreditlinien, Finanzierungsstrategie, Rating) miteinander abzugleichen bzw. in Einklang zu bringen. So kann ein Unternehmen zum Beispiel feststellen, wie viel Handlungsspielraum es bei einem eventuellen gleichzeitigen Eintritt mehrerer Risiken besitzt.

Das Ergebnis ist nicht weiter verwunderlich, da in über 70 Prozent der Unternehmen geeignete Systematiken zur Risikoaggregation und damit zur Ermittlung einer Gesamt-Risikoexposition fehlen.

Abbildung: Bewertung der RMS-Module durch PwC-Experten
Abbildung: Bewertung der RMS-Module durch PwC-Experten

 

Die Mehrzahl der Unternehmen weisen in ihrer "Risikostrategie" lediglich darauf hin, dass sie keine bestandsgefährdenden Risiken eingehen werden. Da aber überwiegend Methoden zur Ermittlung einer Gesamt-Risikoexposition fehlen, bezieht sich die Risikostrategie in der Regel nur auf Einzelrisiken. Die Möglichkeit des Eintritts mehrerer Risiken zur gleichen Zeit wird vernachlässigt und somit ist keine auf die Risikotragfähigkeit des Unternehmens bezogene Aussage möglich. Die Finanz- und Wirtschaftskrise der letzten drei Jahre hat gezeigt, dass sich Unternehmen durch die Entwicklung von sogenannten Krisenszenarien ("Stresstests") auf wirtschaftliche Ausnahmesituationen sinnvoll vorbereiten können. Unsere Analysen haben jedoch ergeben, dass diese Stresstests in den allermeisten Fällen nicht eingesetzt werden.

Förderung eines Risikobewusstseins vernachlässigt

Viele Unternehmen agieren zu zaghaft bei der Förderung des Risikobewusstseins ihrer Mitarbeitenden. Möglichkeiten wären zum Beispiel Schulungen zum RMS oder die Etablierung der Risikokommunikation als fester Bestandteil von regelmäßigen Meetings.

Obwohl Risiken bei über der Hälfte der Unternehmen mit Hilfe von Risikokatalogen, Erhebungsbögen und durch die Beobachtung von Frühwarnindikatoren identifiziert werden, arbeiten nur 15 Prozent der Unternehmen mit regelmäßig aktualisierten Frühwarnindikatoren. Dadurch bleibt die Möglichkeit ungenutzt, Risikoveränderungen frühzeitig systematisch oder sogar automatisiert zu erkennen.

Bei der Risikobewertung werden die gesetzlichen Anforderungen von allen beteiligten Unternehmen erfüllt, wobei die Bewertungssystematik erheblich divergiert. Manche Unternehmen bewerten Risiken anhand mehrerer Szenarien oder projizieren die möglichen finanziellen Belastungen auf verschiedene Planjahre der Mittelfristplanung, andere dagegen verfügen nur über eine unspezifizierte Einszenario-Bewertung mit wenig eindeutigen Angaben zum möglichen Eintrittszeitraum.

Schwierigkeiten bei der Aggregation von Risiken

Große Schwierigkeiten bereiten den Unternehmen die Aggregation der Risiken zu einem Gesamtrisiko und Ursache-Wirkungs-Analysen, aus denen sich Korrelationen ermitteln lassen. Risikokennzahlen (beispielsweise der Value at Risk, VaR) liefern – aus der Perspektive der PWC-Experten - wichtige Informationen für die Steuerung von Risiken. Sie werden jedoch nur von jedem vierten Unternehmen verwendet.

52 Prozent der Unternehmen bewerten die Risiken lediglich über einen Zeithorizont von einem Jahr. Dabei besteht die Gefahr, dass mittelfristige und strategische Risiken nicht systematisch beachtet werden. Die Erhebung und Dokumentation der Risiken führen 56 Prozent der Unternehmen mit einem Tabellenkalkulationsprogramm (MS Excel) durch. 38 Prozent verwenden verschiedene professionelle Risikomanagement-Softwareprogramme und Nutzen dadurch zum Teil die Möglichkeit, Schnittstellen zu anderen Steuerungsprozessen zu schaffen und damit die Steuerung der Risiken zu erleichtern.

Nur in 18 Prozent der Unternehmen erfolgt eine Chancenberichterstattung
Während die Risikoberichterstattung inzwischen etabliert ist, trifft dies auf die strukturierte Chancenberichterstattung in den allermeisten Unternehmen nicht zu. In nur 18 Prozent der Unternehmen wird der Unternehmensführung regelmäßig über Chancen berichtet.

Zur prozessabhängigen Kontrolle haben die Unternehmen verschiedene Instanzen von der Unternehmensleitung bis zu einem Risikokomitee eingerichtet, um die Einhaltung der Vorgaben zum RMS zu überwachen. Die Interne Revision überwacht hingegen als prozessunabhängige Überwachungsinstanz vor allem die Anwendung der Maßnahmen, die vollständige Erfassung der Risikofelder und die Einhaltung prozessintegrierter Kontrollen. Bei über der Hälfte der Unternehmen wurde im Berichtsjahr keine prozessunabhängige Überwachungstätigkeit des RMS durchgeführt.


Download der Studie: Risk-Management-Benchmarking 2010 - Eine Studie zum aktuellen Stand des Risikomanagements in Großunternehmen in der deutschen Realwirtschaft:



[Bildquelle oben: iStockPhoto]



Kommentare zu diesem Beitrag

Keine Kommentare

Themenverwandte Artikel

Studie

Qualitative Evaluationsstudie

Risikomodellierung, Predictive Analytics und Big Data

Frank Romeike | Stefan Trummer19.06.2018, 08:07

Das Banken- und Versicherungsumfeld ist seit vielen Jahren im Umbruch. Dazu haben in nicht unerheblichem Maße die Aufsichtsbehörden und Standardsetter beigetragen. Wurden bis Mitte der 2000er...

Interview

Mundus vult decipi

Was tun mit Fake News?

Redaktion RiskNET06.06.2018, 14:24

Wahrheit oder Lüge? Wer kann das in unseren digitalen Zeiten noch beantworten? Umso wichtiger sind klare Parameter und ein methodisch sauberes Vorgehen, um Fake News zu enttarnen. Dafür plädiert...

Kolumne

Machine Learning-basierte Klassifikation von Marktphasen

Krisen frühzeitig identifizieren

Dimitrios Geromichalos [RiskDataScience]23.05.2018, 12:30

Wie in der Vergangenheit immer wieder beobachtet werden konnte, verhalten sich Märkte oftmals irrational und zeichnen sich – neben dem "Normal-Zustand" – durch Phasen im Krisen- und...

Kolumne

Geopolitik und Ökonomie

Über den Einfluss politischer Krisen

Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.16.05.2018, 11:45

Mehr als sonst ist in den Börsenkommentaren in diesem Jahr nicht nur von ökonomischen Faktoren die Rede. Immer mehr Raum wird den politischen Krisenherden in der Welt eingeräumt. Da geht es um Iran...

Kolumne

CFO Survey Frühjahr 2018

Fachkräftemangel und Protektionismus dominieren Risikolandkarte

Redaktion RiskNET11.05.2018, 14:32

Der Deloitte CFO Survey reflektiert die Einschätzungen und Erwartungen von CFOs deutscher Großunternehmen zu makroökonomischen, unternehmensstrategischen und finanzwirtschaftlichen Themen sowie...