22.05.2012
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Krise prognostiziert zunehmende Wirtschaftskriminalität

Wirtschaftsstraftäter sind männlich und intelligent

18. September 2009, 17:15

Laut einer Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft RölfsPartner und der Universität Leipzig unter Leitung von Hendrik Schneider, Inhaber des Lehrstuhls für Strafrecht, Strafprozessrecht, Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzugsrecht, ist zu befürchten, dass die Wirtschaftskrise zu einer Zunahme der Wirtschaftskriminalität führen wird. "Wer in einer Wirtschaftskrise die Umsatzvorgaben für den Vertrieb nicht anpasst oder die Kontrollen – etwa durch Abbau der internen Revision – reduziert, darf sich nicht wundern, wenn in seinem Unternehmen die Wirtschaftskriminalität zunimmt. Wer hingegen auch in der Krise für ein gutes Betriebsklima sorgt, schützt sein Unternehmen", so der Ratschlag von Dieter John, Leiter des Competence Centers "Fraud – Risk – Compliance" und Vorstand der RölfsPartner Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.

Für die Studie untersuchten die Autoren alle im Jahre 2007 von den drei Berliner Wirtschaftsstrafkammern verkündeten Urteile sowie zahlreiche anonymisierte Praxisfälle des RölfsPartner Competence Centers "Fraud – Risk – Compliance" hinsichtlich der Motivation der Täter und der Rechtfertigung ihrer Tat. Das untersuchte Sample deckt sich dabei relativ gut mit bisherigen wissenschaftlichen Studien: Demnach ist der durchschnittliche Wirtschaftsstraftäter verheiratet, deutscher Nationalität und männlich, weist seltene und geringe Vorstrafen auf, verfügt über eine überdurchschnittlich hohe Bildung und begeht seine Tat im Durchschnitt erst mit 44 Jahren.

Identifikation unterschiedlicher Tätermotivationen

Vor dem Hintergrund der steigenden Gefahren infolge der Wirtschaftskrise sei es wichtig, dem Thema "Prävention" gerade jetzt erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken. Die Grundlage für die Konzeption und Umsetzung geeigneter Maßnahmen könne dabei eine Tätertypologie bilden, die im Rahmen der Untersuchung entwickelt wurde.

"Unsere Studie belegt, dass es den Wirtschaftsstraftäter schlechthin nicht gibt", so Schneider, "allerdings erklärt sie das Zusammenspiel von Tatgelegenheit und Persönlichkeitsdisposition des Täters, die zu einer typischen Täterkarriere führt." In der aktuellen Situation sei beispielsweise relativ häufig die folgende Konstellation zu beobachten: Ein bislang loyaler Mitarbeiter gerät in eine persönliche Krise, weil sein Arbeitsplatz bedroht ist. Er entdeckt in seinem Unternehmen zufällig eine Tatgelegenheit, die er ergreift – auch um seine Frustration zu kompensieren. Er wird nicht entdeckt, da aufgrund von Sparmaßnahmen die Interne Revision abgebaut worden ist und wiederholt sein Tatmuster bei nächster Gelegenheit. Bestärkt durch die Erfolgserlebnisse sucht er bald gezielt nach weiteren Tatgelegenheiten.

Das Beispiel beschreibt die beiden Ebenen, die laut der Studie in diesem Zusammenhang relevant sind: Zum einen die situative Ebene (also bei der Beziehung "Täter-Tatgelegenheit"), zum anderen die personale Risikokonstellation (also im Hinblick auf die Persönlichkeitsmerkmale des Täters). So sind auf der situativen Ebene die Täter zu unterscheiden, die eine günstige Gelegenheit ergreifen, weil sie sich gerade bietet (die so genannten "Gelegenheitsergreifer") und diejenigen, die sie zielstrebig suchen (die so genannten "Gelegenheitssucher"). Der Gelegenheitsergreifer ist der langjährige zuverlässige Mitarbeiter, der besonderes Vertrauen genießt und durch ein Kontrolldefizit zum Täter wird. Wird er vom Unternehmen nicht frühzeitig gestoppt, entwickelt er sich möglicherweise zum Gelegenheitssucher, der seine weiteren Taten mit krimineller Energie plant.

Gestaltung von Präventionsmaßnahmen in Abhängigkeit unterschiedlicher Tätertypen

Im Rahmen der personalen Risikokonstellation identifiziert die Studie vier unterschiedliche Tätertypen: Den Täter mit wirtschaftskriminologischem Belastungssyndrom (den "Chronischen"), den "Krisentäter", den "Abhängigen" und den "Unauffälligen". "Wirtschaftsstraftäter sind oft Menschen wie du und ich, die erst in einer kritischen Lebenssituation ihre Tat begehen", so die Erfahrung von John. Bislang würden unternehmerische Präventionsstrategien jedoch auf die Reduktion von Tatgelegenheiten fokussiert. Die Betrachtung der unterschiedlichen Tätertypen lasse nun allerdings Rückschlüsse auf die Motivation und die Rechtfertigungsgründe der Täter zu und eröffne dadurch effizientere Ansätze zur Kriminalitätsbekämpfung. Im einzelnen sind mit Blick auf die unterschiedlichen Idealtypen dabei folgende Zusammenhänge relevant:
Der Täter mit wirtschaftkriminologischem Belastungssyndrom (der "Chronische") such aktiv nach Tatgelegenheiten. Er ist häufig ein Quereinsteiger mit wechselnden Jobs, der einen ausschweifenden Lebensstil finanzieren muss und lässt sich oft in arbeitsplatzbezogenen Subkulturen finden. Er ist der einzige Tätertyp, bei dem vermehrt Vorstrafen vorkommen. Er benötigt keine Neutralisierungsstrategie, hat kein Unrechtsbewusstsein und daher auch keine Geständnisbereitschaft. Durch Vorlage eines polizeilichen Führungszeugnisses oder Originalzeugnissen und/oder der Nennung von Referenzpersonen kann aufgrund der oft existierenden Vorstrafen bereits seine Einstellung verhindert werden.

Der "Krisentäter" ist eine aufstiegsorientierte Person mit kontinuierlicher Erwerbsbiografie, die durch ein besonderes berufliches oder privates Ereignis zum Täter wird. Er hat ein inadäquates Anspruchsniveau, weil er auch in der Krise seinen Lebensstil nicht anpasst. Bei ihm sind ausgeprägte Neutralisierungsstrategien festzustellen. Nach der Tat ist er meist geständig, weil ihn dies von seinen Schuldgefühlen entlastet. Der Krisentäter kann durch Prävention und Sensibilisierung der Führungskräfte von seiner Tat abgehalten werden.

Der "Abhängige" nutzt eine sich bietende Gelegenheit, wobei er oft weisungsunterworfen handelt und im Fall von Gefolgschaftsverweigerung Repressionen erwartet. Der "Unauffällige" ist sozial unauffällig und hat allenfalls kritische Relevanzbezüge. Seine Tat erklärt sich nur aus der Tatgelegenheit. Sowohl bei dem "Unauffälligen" als auch dem "Abhängigen" verhindern in aller Regel geeignete Präventionsmaßnahmen und angemessene Prozesskontrollen die Tatgelegenheiten.

Die Studie "Der Wirtschaftsstraftäter in seinen sozialen Bezügen" steht zum kostenfreien Download auf der Website der RölfsPartner-Gruppe unter www.roelfspartner.de zur Verfügung.


[Bildquelle: RiskNET GmbH]

 




Kommentare

Frank, Freitag, 18.09.2009 - 20:48:
Zu dem Artikel passt sehr gut der RISKNEWS-Beitrag "Risiken der Männlichkeit":

"Unumstritten ist, dass das Leben vieler Männer zugeschnitten ist auf Wettbewerbsdenken, auf eine fortwährende Suche nach Anerkennung, den Drang, um jeden Preis zu beeindrucken [Biddulph 2003, S. 13 ff.], teilweise auch Macht und Herrschaft über andere auszuüben und ih- ren Einfluss- und Herrschaftsraum gegenüber anderen zu verteidigen oder auszuweiten. Ha- ben sich in den vergangenen Dekaden immer mehr Frauen von den „drei Ks“ – Kinder, Küche, Kirche – freigemacht, so scheinen viele Männer an ihren Ks festzuhalten, an einer oft einseitigen Ausrichtung an „Konkurrenz“ und „Karriere“, der nicht selten der „Kollaps“ auf dem Fuße folgt [Bründel/Hurrelmann 1999]."

Zwischen diesen "drei Ks" und der männlichen Dominanz von Wirtschaftskriminellen existiert eine klare Korrelation ...

Der Artikel "Risiken der Männlichkeit" kann hier heruntergeladen werden:
http://risknet.de/typo3conf/ext/bx_elibrary/elibrarydownload.php?&downloaddata=234
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Helmut, Dienstag, 22.09.2009 - 07:25:
In der Zeit konnte man vor einiger Zeit lesen, dass Kriminalität männlich ist: Die Gewaltkriminalität, die Delikte wie gefährliche Körperverletzung, Mord und Totschlag, Geiselnahme und Vergewaltigung umfasst, hat sich seit Mitte der achtziger Jahre verdoppelt – und sie ist fest in männlicher Hand. Männer sind siebenmal so häufig des Mordes und zwölfmal so häufig des Raubmordes verdächtig wie Frauen, werden fünfmal öfter der Körperverletzung und achtmal öfter der Sachbeschädigung bezichtigt und begehen den Großteil aller Verkehrsdelikte. ;-) Fazit: Der rote Faden zieht sich durch bis zur Wirtschaftskriminalität
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Zinsknecht, Dienstag, 22.09.2009 - 22:00:
Zum Titelbild: Wäre ja toll wenn Wirtschaftskriminalität tatsächlich mal in Handschellen enden würde... bisher endeten aufgedeckte Kriminalfälle (diesen Begriff verwenden die Medien gar nicht für Vergehen in Unternehmen, eher harmlose Begriffe wie Veracht auf Untreue) lediglich in einem Umsatzsprung für Rechtsanwaltskanzleien, um anschließend klanglos und peu a peu aus dem Fokus der Berichterstattung zu verschwinden...
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Joëlle, Donnerstag, 24.09.2009 - 15:07:
Eigentlich nimmt die Witschaftskriminalität zu egal ob Man oder Frau ist. Diese Täter/-innen kommen sehr oft aus dem (oberen) Kader und kennen die Lücke des IKS.
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Mecky, Samstag, 26.09.2009 - 00:02:
In der Folge der Finanzkrise müssten neben diversen Vorstandsbossen vor allem einige Politiker in Handschellen abgeführt werden. Da werden wir aber wohl lange warten müssen ... ;-(
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