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Global Risks 2012

Ein Blick auf die 50 globalen Risiken

12. Januar 2012, 08:44
Ein Blick auf die 50 globalen Risiken

Der gestern veröffentlichte Bericht Global Risks 2012 des World Economic Forum verdeutlicht die Anfälligkeit der globalen Welt gegenüber weiteren Wirtschaftsturbulenzen und sozialen Verwerfungen. Dies könnte die mit der Globalisierung verbundenen Fortschritte untergraben, so die Autoren der Studie. 

Die chronische Schieflage von Staatshaushalten und massive Einkommensunterschiede wurden als diejenigen Risiken beurteilt, die in den kommenden zehn Jahren am wahrscheinlichsten eintreten werden. Beide werden als Risiken mit den größten Auswirkungen für die Weltwirtschaft eingestuft, da sie Nährboden für Nationalismus, Populismus und Protektionismus sind. Sie fallen zudem in einen Zeitraum, in der die Welt auch besonders anfällig für Nahrungs- und Wasserknappheit sowie für Krisen im Finanzsystem ist. So lauten die Erkenntnisse einer Umfrage bei 469 Experten und Wirtschaftsführern, aus der sich auch ablesen lässt, dass sich die Bedenken gegenüber dem Vorjahr von Umweltrisiken hin zu sozio-ökonomischen Risiken verschoben haben. Der Bericht zeigt die Herausforderungen auf, mit denen sich das Risikomanagement in den nächsten Jahren und Jahrzehnten beschäftigen muss.

Der Bericht beschreibt 50 globale Risiken und gruppiert sie in die Kategorien Wirtschaft, Umwelt, Gesellschaft, Geopolitik und Technologie. Risikolandkarten zeigen auf einer Skala von 1 bis 5 mögliche Auswirkungen und Wahrscheinlichkeit der globalen Risiken in den nächsten 10 Jahren. Innerhalb jeder Kategorie wird das größte systemische Risiko besonders herausgestellt. 

Der Bericht analysiert drei Hauptrisikobereiche:

1. Die Saat der Dystopie

Eine Dystopie oder Anti-Utopie ist eine Gesellschaft, die sich zum Negativen entwickelt und stellt somit einen Gegenentwurf zu Thomas Morus’ Utopia dar. Eine dystopische Gesellschaft ist in der Regel charakterisiert durch eine diktatorische Regierungsform bzw. eine Form repressiver sozialer Kontrolle. Typische Charakteristika einer Dystopie: Dem Individuum sind durch mechanisierte Superstaaten jegliche Freiheiten genommen, die Kommunikation der Menschen untereinander ist eingeschränkt oder anderweitig gestört und das Bewusstsein der eigenen Geschichte oder eigener Werte gekappt.

Die Analyse der verschiedenen miteinander verknüpften globalen Risiken gelangt zum Schluss, dass eine Konstellation fiskalpolitischer, demografischer und gesellschaftlicher Risiken zu einer dystopischen Zukunft für die Mehrheit der Menschen führen könnte. Die Wechselwirkungen zwischen diesen Risiken könnten eine Realität schaffen, in der eine große, junge Bevölkerung einer chronischen, hohen Arbeitslosigkeit gegenübersteht, während gleichzeitig die größte Anzahl Rentner in der Geschichte überhaupt von bereits stark verschuldeten Regierungen abhängt. Sowohl für junge wie auch für alte Menschen könnte so eine derart ausgeprägte Einkommens- und Kompetenzlücke entstehen, dass die soziale und politische Stabilität bedroht wäre.

Diese Hypothese macht deutlich, welche Gefahr entstehen könnte, wenn die gesellschaftlichen Vereinbarungen zwischen Staaten und Bürgern aufgrund sich verschlechternder wirtschaftlicher Bedingungen gebrochen werden. Findet man keine realisierbaren Alternativmodelle, könnte die Weltwirtschaft in einen Abwärtsstrudel geraten, der durch Protektionismus, Nationalismus und Populismus noch verstärkt würde.

Abbildung 01: Quellen der Dystopie [Quelle: World Economic Forum 2012, Global Risks 2012, S. 18]

Abbildung 01: Quellen der Dystopie [Quelle: World Economic Forum 2012, Global Risks 2012, S. 18]

2. Wie sicher sind unsere Sicherheitssysteme?

Während die Welt immer komplexer wird und die Interdependenz steigt, nimmt die Fähigkeit ab, die Systeme, auf denen unser Wohlstand und unsere Sicherheit beruhen, zu kontrollieren. Die Risikokonstellation, die durch neue Technologien, gegenseitige finanzielle Abhängigkeiten, die Ausbeutung von Ressourcen und den Klimawandel entsteht, fördert die Schwäche und Dürftigkeit bestehender Sicherheitssysteme zu Tage – der Richtlinien, Normen, Regulierungen oder Institutionen, die als Schutz dienen sollten. Unsere Sicherheitssysteme sind möglicherweise nicht mehr geeignet, lebenswichtige Ressourcen zu schützen und geordnete Märkte sowie die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten.

Die gegenseitigen Abhängigkeiten und die Komplexität, die mit der Globalisierung einhergehen, erfordern den Einbezug größerer Anspruchsgruppen, um angemessenere Sicherheitssysteme zu errichten und damit die wirksame und zeitgerechte Reaktion auf entstehende Risiken zu verbessern.

Abbildung 02: Unsichere Sicherheitssysteme [Quelle: World Economic Forum 2012, Global Risks 2012, S. 21]
Abbildung 02: Unsichere Sicherheitssysteme 
[Quelle: World Economic Forum 2012, Global Risks 2012, S. 21]


3. Die Kehrseite der Konnektivität

Im Alltag sind wir praktisch jederzeit von vernetzten Online-Systemen abhängig. Dies macht uns verwundbar gegenüber Angriffen böswilliger Personen, Organisationen und Staaten, die immer bessere Fähigkeiten darin entwickeln, aus der Ferne und anonym verheerende Cyber-Attacken zu starten. 

Noch liegen die Auswirkungen von Kriminalität, Terrorismus und Krieg in der virtuellen Welt nicht gleichauf mit jenen der physischen Welt. Es wird jedoch befürchtet, dass sich dies ändern könnte. Hyperkonnektivität ist eine Realität. Angesichts der über fünf Milliarden Mobiltelefone mit Internetverbindung und Cloud-basierten Applikationen bietet das Leben mehr Angriffsfläche gegenüber virtuellen Risiken und digitalen Störungen. 

Die entsprechende Konstellation globaler Risiken in dieser Fallstudie zeigt, dass Leistungsanreize nicht auf die Bewältigung dieser globalen Herausforderung ausgerichtet sind. Die Online-Sicherheit wird heute als öffentliches Gut betrachtet – der private Sektor ist daher zwingend zu ermutigen, sich stärker für die Eindämmung der Risiken, denen die wichtigsten IT-Systeme ausgesetzt sind, zu engagieren.

Während in der Vergangenheit beträchtliche materielle und menschliche Ressourcen erforderlich waren, um geopolitischen oder geoökonomischen Einfluss auszuüben, wurden Grenzen durchlässiger, da sich die Macht von der physischen zur virtuellen Welt verlagert. Ein gesunder digitaler Raum ist nötig, um eine gewisse Stabilität der Weltwirtschaft und der Machtverhältnisse zu gewährleisten.

Die zerstörerische Kraft der Natur

Naturkatastrophen erinnern uns regelmäßig an die zerstörerische Kraft der Natur und die Grenzen, die unseren Technologien gesetzt sind. Dies zeigte sich letztes Jahr beim großen Erdbeben im Osten Japans (Tōhoku-Erdbeben). Die Stärke des Erdbebens wird vom United States Geological Survey (USGS) mit der Momenten-Magnitude 9,0 Mw angegeben. Es gilt als stärkstes Beben in Japan seit Beginn der dortigen Erdbebenaufzeichnungen und war zudem Auslöser zweier weiterer Katastrophen in der Region: eines 10 Meter hohen Tsunami sowie Unfällen in mehreren Kernkraftwerken Ostjapans, insbesondere am Standort Fukushima-Daiichi. 

In einem speziellen Kapitel über die wichtigsten Erkenntnisse aus der Katastrophe wird betont, dass Organisationen große Schockereignisse wesentlich besser verkraften können, wenn sie über klare Kommunikationslinien verfügen und die Mitarbeitenden in allen Bereichen Entscheidungskompetenzen haben.

Der Bericht "Global Risks 2012" konzentriert sich auf die wichtigen Lehren, die aus dem Erdbeben, dem Tsunami und der daraus folgenden Atomkrise in Fukushima, Japan, zu ziehen sind. Im Mittelpunkt stehen dabei die Faktoren Leadership, Herausforderungen einer wirksamen Kommunikation im heutigen Informationszeitalter und Geschäftsmodelle, die Krisen von unvorhergesehenem Ausmaß standhalten.

Der Bericht verdeutlicht insbesondere die komplexe Vernetzung verschiedener Ursachen und Wirkungen sowie der damit zusammenhängenden Dominoeffekte.

Abbildung 03: Beispiel für Geschäftsrisiken und operationelle Risiken sowie deren Dominoeffekte [Quelle: Marsh 2011 sowie World Economic Forum 2012, Global Risks 2012, S. 32]

Abbildung 03: Beispiel für Geschäftsrisiken und operationelle Risiken sowie deren Dominoeffekte [Quelle: Marsh 2011 sowie World Economic Forum 2012, Global Risks 2012, S. 32]


Die wesentlichen 50 globalen Risiken

Die Studie erfasste für einen Zeithorizont von zehn Jahren die geschätzten Auswirkungen und die Wahrscheinlichkeit einer Materialisierung sowie die Wechselwirkungen von 50 globalen Risiken. Die folgenden Abbildungen stellen die Bewertungen der fünf Risiken dar, deren wahrscheinliche Materialisierung und potenzielle Auswirkungen für die kommenden zehn Jahre im diesjährigen Bericht am höchsten eingestuft wurden. 

Außerdem hat der diesjährige Bericht das Konzept der Schwerkraftzentren eingeführt. Darunter sind jene Risiken zu verstehen, die von den Befragten als wichtigste systemische Risiken innerhalb jeder einzelnen der fünf Risikokategorien eingeschätzt wurden. Diese Schwerkraftzentren sollen bei einer risikobezogenen Planung als Anhaltspunkte für strategische Interventionen dienen. Für 2012 wurden folgende Schwerkraftzentren eruiert:

  • Chronische Ungleichgewichte von Staatshaushalten (Wirtschaft)
  • Treibhausgasemissionen (Umwelt)
  • Global-Governance-Versagen (Geopolitik)
  • Nicht nachhaltiges Bevölkerungswachstum (Gesellschaft)
  • Ausfall kritischer Systeme (Technologie)


Schließlich bezieht der Bericht auch die Entwicklung von X-Faktoren mit ein, die einer weiteren Erforschung bedürfen. Einige dieser für die Zukunft zu berücksichtigenden Faktoren sind der vulkanische Winter, die Epigenetik sowie Unfälle von dramatischem Ausmaß. Der Global Risks Report zeigt vor allem auf, dass die Zeiten für das Risikomanagement keinesfalls langweiliger werden.

Drei wesentliche Erkenntnisse

Insgesamt resultieren aus der siebten Auflage des Global Risk Report drei übergreifende Erkenntnisse:

  • Entscheidungsträger müssen Anreize schaffen, um ein besseres Verständnis über die Zusammenhänge und Dominoeffekte globaler Risiken zu erlangen;
  • Vertrauen oder Misstrauen sind wesentliche Treiber und Faktoren für die zukünftige Risikolandkarte. Dies bezieht sich vor allem auf das Vertrauen in die öffentliche Sicherheit sowie die neuen Kommunikationswege und -instrumente;
  • Außerdem muss der Kommunikations- und Informationsaustausch über Risiken verbessert und erhöht werden. Dies bedingt vor allem eine höhere Transparenz der Risikotreiber sowie der Zusammenhänge.


Abbildung 04: Die 50 wichtigsten globalen Risiken [Quelle: World Economic Forum 2012]


Download des kompletten Reports "Global Risks 2012" des World Economic Forum: 



[Bildquelle oben: iStockPhoto, Text basierend auf dem Global Risk Reports 2012 sowie dem Executive Summary]




Kommentare

Hendryk, Donnerstag, 12.01.2012 - 10:12:
Sehr gute Studie. Den Ausfall kritischer Systeme sehe ich als besonders relevantes Thema, mit dem sich die Risikomanager beschäftigen sollten. Die Dominoeffekte sind hier ungleich heftiger als bspw. die Wirkungen nach dem Erdbeben in Japan.
Und richtig: Der Kommunikations- und Informationsaustausch über Risiken muss erhöht werden - ich würde aber auch ergänzen, dass die Methoden massiv angepasst werden müssen. Hier ist vor allem die Wissenschaft gefragt.
Aber leider ist das Thema Risk Management an den Universitäten bis heute völlig unterbelichtet. Auch das muss sich ändern ...
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Ninja, Donnerstag, 12.01.2012 - 12:03:
Die Trend in Richtung Protektionismus, Nationalismus und Populismus sind klar erkennbar. Ein Blick in die EU oder auch nach China genügen. Dies ist die logische Konsequenz von wirtschaftlichem Niedergang bzw. Aufstieg.
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Oliver, Donnerstag, 12.01.2012 - 15:27:
Ist die Trennung zwischen Wirtschaft, Umwelt, Geopolitik, Gesellschaft und Technologie nicht ziemlich konstruiert. Warum dominieren in 2012 vor allem wirtschaftliche Risiken (bezogen auf die Wahrscheinlichkeit) und im Jahr 2011 vor allem Umweltrisiken??
Bei den Auswirkungen demgegenüber ist es umgekehrt. Eine starke Dominanz der wirtschaftlichen Themen, was wohl vor allem damit zusammenhängt, dass sich alle Schäden am Ende des Tages in Euro berechnen lassen. Aber wo ist die Erkenntnis?
Und die aufgeführten Risiken sind streng genommen keine Risiken (sondern allerhöchstens Ursachen für Risikoeintritte); bspw. Chronische fiskal-politische Ungleichgewichte.
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