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Blick auf die Risikolandkarte

Kriegsrisiken im Nahen Osten

Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.06.09.2012, 09:28

Die beiden größten Risiken für das zweite Halbjahr an den Finanzmärkten werden derzeit in der Eurokrise und in der Konjunktur gesehen. Ich möchte dem noch ein drittes hinzufügen: Die Möglichkeit eines Krieges zur Zerstörung der Atomanlagen im Iran. Israel hat dazu angeblich bereits konkrete Planungen. Die Wochen vor den amerikanischen Präsidentschaftswahlen könnten ein geeigneter Zeitpunkt sein. Ich will hier nicht auf die politischen Probleme einer solchen Aktion eingehen, auch nicht auf das menschliche Leid, das mit jedem Krieg verbunden ist. Hier geht es nur darum, was das für die Finanzmärkte bedeuten würde?

Von den Rothschilds stammt der Spruch "Kaufen wenn die Kanonen donnern, verkaufen wenn die Violinen spielen". Ich habe mir dazu einmal die ganz langfristige Entwicklung der Aktien in den USA angesehen (Abbildung). Es zeigt sich, dass die Regel in der Vergangenheit kein guter Ratgeber war. Kriege haben die Aktienmarktentwicklung nicht in größerem Maße beeinflusst. Die größten Anstiege ergaben sich nicht in Kriegszeiten, sondern in den Phasen hohen Wachstums nach den großen Kriegen. Der stärkste Rückschlag für die Kurse waren nicht die beiden Weltkriege, sondern die Weltwirtschaftskrise 1930.

Abbildung: Wie reagieren Aktien auf Kriege? Dow Jones, log. Maßstab [Quelle: Fred Data]
Abbildung: Wie reagieren Aktien auf Kriege? Dow Jones, log. Maßstab [Quelle: Fred Data]

Kurzfristig gab es freilich schon Einflüsse der Kriege. Aber sie waren keineswegs immer positiv. In den ersten Monaten des ersten Weltkrieges ging der Dow Jones um über 30 % zurück (was nach einem Jahr aber schon wieder aufgeholt war). Kurz vor dem Eintritt der USA in den zweiten Weltkrieg stürzten die Kurse ebenfalls ab, wenn auch nicht ganz so stark. Auch im Yom-Kippur-Krieg 1973 ermäßigten sich die amerikanischen Aktienkurse. Eine Ausnahme war Vietnam. Damals stiegen die Kurse nach dem Kriegseintritt der USA (März 1965). Auch nach dem Beginn des Irak-Krieges 2003 gab es eine Rallye.

Beim Vergleich der Finanzmarktentwicklung mit früheren Kriegszeiten ist freilich zu bedenken, dass die Märkte damals noch nicht so krisenanfällig waren. Andererseits greifen die Zentralbanken heute häufiger in die Märkte ein, wenn sie Panik befürchten. Auch jetzt wäre bei größeren Verwerfungen mit Interventionen zu rechnen. Dies umso mehr als die Investoren heute kaum noch glauben, dass sich Militärschläge wirklich begrenzen lassen.

Der wichtigste Effekt eines Iran-Krieges auf die Finanzmärkte wäre ein starker Anstieg der Unsicherheit bei den Anlegern. Niemand weiß, wie lange ein Militärschlag dauert. Niemand weiß auch, welche Staaten in der Region stärker tangiert würden und wie sich die weltpolitische Lage insgesamt verändern würde. Unsicherheit ist für die Finanzmärkte immer Gift. In jedem Fall dürfte die Schwankungsanfälligkeit zunehmen.

Relativ sicher ist auch, dass die Öl- und Gaspreise kräftig anziehen. Iran gehört zu den großen Öl- und Gasproduzenten der Welt. Zum Teil sind solche Effekte bereits in den jetzigen Ölpreisen enthalten. Allein wegen der Konjunktur müssten die Ölpreise eigentlich niedriger sein. Höhere Ölpreise verringern das Wirtschaftswachstum bei den Ölverbrauchern. Besonders betroffen sind Länder, die iranisches Öl importieren, wie beispielsweise Griechenland. Ferner erhöht sich die Inflation in der Welt. Die Zentralbanken kommen in den Konflikt, ob sie eher die Geldentwertung bekämpfen oder das Wirtschaftswachstum stimulieren.

Aktienmärkte würden wegen der Unsicherheit und der höheren Ölpreise (die die Gewinne der Unternehmen belasten) zunächst nachgeben. Es kann freilich zu differenzierten Entwicklungen kommen. Papiere der Rüstungshersteller, auch der High-Tech-Industrie, könnten steigen. Wenn es als Folge der Unsicherheit in der Bevölkerung zu Hamsterkäufen kommt, dann würden auch die Hersteller lebensnotwendiger Güter mehr verdienen. Natürlich steigen alle Werte, die von einem höheren Ölpreis profitieren. Umgekehrt würde die Autoindustrie leiden.

Bonds müssten aufgrund der höhere Inflation und zunehmender Inflationserwartungen nachgeben. Die Renditen steigen. Freilich dürfte sich der Effekt in Grenzen halten, da die Liquidität extrem hoch ist und die Zentralbanken das Geld sicher nicht zu diesem Zeitpunkt einsammeln würden.

Der US-Dollar würde sich festigen. Die amerikanische Währung ist erfahrungsgemäß immer ein "sicherer Hafen". Die USA sind aufgrund ihrer eigenen Ölquellen vergleichsweise weniger von einem steigen Ölpreis betroffen. Im Übrigen wird der internationale Ölhandel überwiegend in US-Dollar abgewickelt, so dass höhere Ölpreise eine größere Nachfrage nach dieser Währung nach sich ziehen. Zu vermuten ist, dass auch der Goldpreis als Krisenindikator zulegen würde. Freilich ist im gegenwärtigen Preis schon viel Unsicherheit eskomptiert.

Autor: Dr. Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A. 

 


[Bildquelle: © Rafael Ben-Ari - Fotolia.com]

 



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