News

Kommentar

Hase und Igel bei den öffentlichen Finanzen?

Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.10.08.2012, 16:20

Irgendetwas scheint hier nicht zu stimmen. Vier Jahre sind seit dem Beginn der Finanzkrise 2008 vergangen. Die Regierungen haben alles getan, um die Schäden zu reparieren und die Verschuldung zu reduzieren. Und das Ergebnis? Die öffentlichen Defizite sind heute höher als vor der Krise. In den Industrieländern liegen sie in diesem Jahr bei 5,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verglichen mit 3,5 Prozent 2008. In den Schwellenländern betragen sie 1,9 Prozent; 2008 gab es hier noch einen Überschuss.

Haben wir hier vielleicht etwas falsch gemacht? Könnte es sein, dass wir uns in einem Hase-und-Igel-Spiel befinden: Da mag der Hase noch so schnell laufen, der Igel ist doch schon vor ihm am Ziel? Alle Sparmaßnahmen, die in den letzten Jahren unter zum Teil großen Schmerzen ergriffen wurden, werden zunichte gemacht durch die Verschlechterung der Konjunktur und die dadurch rückläufigen Steuereinnahmen.

Das mag so aussehen. Es ist aber nicht richtig.

Es gibt drei Gründe, weshalb die Welt heute in Sachen Verschuldung insgesamt schlechter als vor der Krise dasteht. Der eine ist, dass die Verschuldung eine Folge der Krisenbekämpfung ist. Sie setzte also erst ein, nachdem die Krise da war. Es ist also kein Wunder, wenn die Schulden heute höher sind.

Der zweite ist, dass nicht alle Staaten konsolidiert haben; einige haben geschlampt. Ihnen war die Stützung der Konjunktur wichtiger als das Sparen. Das sind vor allem die USA und Japan, zum Teil aber auch Großbritannien. Das Vereinigte Königreich hatte 2009/2010 zwar ein ehrgeiziges Sparprogramm verabschiedet, auf die Ergebnisse wartet man aber bis heute. Alle diese Länder haben die Arbeit der Konsolidierung mit allen negativen Effekten für Konjunktur, Beschäftigung und Finanzmärkte noch vor sich.

Der dritte Grund: Wir messen falsch. Wenn man die Wirksamkeit der Finanzpolitik beurteilen will, dann darf man nicht auf die tatsächlich anfallenden Zahlen schauen. Öffentliche Defizite werden immer von zwei Seiten beeinflusst: Einmal von der Finanzpolitik, zum anderen von der Konjunktur (die natürlich zum Teil wiederum die Finanzpolitik widerspiegelt). Wenn man nur die Effekte der Finanzpolitik sehen will, muss man die Zahlen um die Konjunktureffekte bereinigen. Man muss also die Zahlen betrachten, die sich ergeben würden, wenn die Konjunktur "normal" wäre und nicht so schlecht, wie sie sich heute darstellt. Ich weiß, dass das nach Manipulierung ausschaut. Der Vorwurf ist aber ungerecht. Es handelt sich vielmehr um ein international und auch wissenschaftlich anerkanntes Verfahren.

Abbildung: Konjunkturbereinigte öffentliche Defizite in Prozent des Bruttoinlandsprodukts [Quelle: IWF, 2012]
Abbildung: Konjunkturbereinigte öffentliche Defizite in Prozent des Bruttoinlandsprodukts [Quelle: IWF, 2012]


Der IWF hat dieser Tage die konjunkturbereinigten Zahlen zu den öffentlichen Defiziten veröffentlicht (Fiscal Monitor Update). Danach sieht das Bild anders aus, als wir es aus den üblichen Zahlen kennen. Das öffentliche Defizit im Euroraum ist heute um ein Drittel niedriger als 2008. Eine ganze Reihe von Ländern sind unter beziehungsweise nahe an der magischen Grenze von 3 Prozent: Neben Deutschland auch Frankreich und Portugal und selbst Italien (mit nur noch 0,5 Prozent im Jahr 2012). Andere stehen kurz davor. Griechenland, das derzeit wegen mangelnder Sparanstrengungen viel geschmäht wird, hat sein Defizit von 18,5 Prozent (!) 2009 auf "nur" noch 4,5 Prozent zurückgebracht. Im nächsten Jahr wird es nach den Prognosen des IWF auf lediglich 2 Prozent kommen. Einen solchen "Turn Around" in so kurzer Zeit hat meines Wissens bisher kein Industrieland je geschafft.

Nicht so gut steht es um Spanien. Es liegt konjunkturbereinigt derzeit bei 5 Prozent und wird im nächsten Jahr auf 3,9 Prozent kommen. Hier steht ein großer Teil der Arbeit noch bevor. Irland steht nach diesen Zahlen ebenfalls nicht so gut da. Das Land wird derzeit zwar an den Märkten als Staat mit großen Konsolidierungserfolgen gefeiert. Konjunkturbereinigt liegt sein Defizit 2012 aber immer noch bei 6 Prozent. Im nächsten Jahr soll es gerade mal auf 5,6 Prozent fallen.

Ganz besonders gut sind viele Schwellen- und Entwicklungsländer. Sie laufen den Industriestaaten inzwischen nicht nur beim Wachstum den Rang ab, sondern auch bei der Stabilitätspolitik. Sie sind Muster sowohl bei der Inflationsbekämpfung als auch bei der Konsolidierung der Haushalte. China hat konjunkturbereinigt einen ausgeglichenen Haushalt. Hier ist freilich zu bedenken, dass es in einem Land mit so vielen Staatsbetrieben nicht ganz leicht ist, das öffentliche Defizit richtig abzugrenzen. Aber auch in anderen Staaten sind die öffentlichen Finanzen keineswegs mehr in Unordnung: Türkei (Defizit 2,8 Prozent), Brasilien (1,5 Prozent) oder Mexiko (2,4 Prozent). Ausnahme ist Indien mit einem Fehlbetrag von 9 Prozent. Das Land hat im Vergleich zu China viele Vorteile. In Sachen Effizienz der Wirtschafts- und Finanzpolitik hinkt es jedoch weit hinterher.

 

Autor: Dr. Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A. 

 


[Bildquelle oben: © Winne - Fotolia.com]






Kommentare zu diesem Beitrag

Markus/10.08.2012 23:40
"...Alle diese Länder haben die Arbeit der Konsolidierung mit allen negativen Effekten für Konjunktur, Beschäftigung und Finanzmärkte noch vor sich."

Ich denke USA, UK und Japan werden versuchen ihre Defizite über die Inflation zu reduzieren - bislang sind KEINE Entscheidungen gefallen, die einer wirksamen und nachhaltigen Haushaltspoltik gerecht werden.

Ich kann nur hoffen das Europa aus den Fehler des angelsächsichen geprägten Systems lernt und eine solvenzorientierte Polttik verfolgt. Dazu gehören höhere Steuern auch auf Finanzgeschäfte, eine massivere und regressivere Regulierung und eine nachhaltige Wirtschaftspoltik, die auf einer autarkeren Energie- und umweltschonenderen Politik aus ist.
sabine/12.08.2012 22:16
Ja, leider wurde aus den Fehlern überhaupt nix gelernt. Professionelles Krisenmanagement muss anders aussehen, als der Eiertanz der vergangenen Jahre ;-(

related topics

related news

Interview

Interview with Raffael Kalisch

Crises are the best "resilience training"

RiskNET [Editor-in-chief]17.10.2017, 08:10

Engineers refer to a resilient system if failure of one part does not lead to complete failure of all technical systems. An ecosystem is said to be resilient if it returns to its initial condition...

Interview

Quo vadis Big Data?

Big Data and the world of algorithms and analyses

RiskNET [Editor-in-chief]22.09.2017, 13:15

Big data is in fashion. Especially the economy has been calling for greater implementation of new methods of analysis for years. Some people are convinced that they can maintain an overview of...

Interview

Opportunity and risk management

In the shadow of risks there are also opportunities

RiskNET [Editor-in-chief]05.07.2017, 08:54

Political and social risks, economic disagreements and increasing digitalisation – with rising volumes of data to be analysed – the insurance industry has to cope with a very heavy burden. We spoke...

Interview

Staying in the comfort zone as a risk

More speed – less risk

RiskNET [Editor-in-chief]22.05.2017, 18:25

Dealing with risks, making decisions, taking on leadership roles, cooperating in a team, setting objectives, showing persistence and maybe sometimes the courage to turn back – these are all...

Comment

The success of "disruptive innovations" remains uncertain

Digital, more digital, disruptive

Andreas Kempf | Frank Romeike08.05.2017, 09:21

In the current discussion about digitalisation, there is one term that seems to be omnipresent and dominating a lot of media reporting (see Fig. 01). According to the newspaper FAZ, it's something...