News

4 große „R-Themen“: Risikomanagement, Rechnungslegung, Ratings und Regulierung

Frank Romeike & Stefan Hirschmann (Redaktion RiskNET)29.11.2007, 12:24

Im Zusammenhang mit der Veröffentlichung des aktuellen Finanzstabilitätsberichts der Deutschen Bundesbank unterstrich Hermann Remsperger, Mitglied des Vorstands, dass die Deutsche Bundesbank – analog zu IWF, BIZ und anderen Notenbanken – eine Korrektur der lange Zeit auffällig niedrigen Risikoprämien seit längerem erwartet hatten.

Auch dass eine umfassende Neubewertung finanzieller Risiken von einer Eintrübung des makroökonomischen Umfelds, konkret des amerikanischen Immobilienmarktes, ausgehen könnte, hatte die Bundesbank auf dem Radarschirm. „Nicht zuletzt haben wir auf die Risiken aus „exotischen“ Hypothekenkreditarten schon vor zwei Jahren hingewiesen. Aber ich kenne niemanden, der sich anmaßt, die Breite und Tiefe sowie die Verästelungen der jetzigen Probleme genau vorhergesagt zu haben“,  so Remsperger in seinen heutigen Ausführungen. Die vom US-Subprime-Hypothekenmarkt ausgegangenen Verwerfungen belasten das internationale Finanzsystem nun schon seit mehreren Monaten in einer Weise, die das komplette Finanzsystem herausfordert. Dies gilt sowohl für die Diagnose als auch für die Therapie.

In diesem Kontext wies Remsperger auch auf die Ursachen der Finanzmarktturbulenzen hin und skizzierte die gegenwärtige Lage. In diesem Zusammenhang sind jedoch vor allem auch die möglichen Lehren interessant, die aus den Verwerfungen zu ziehen sind.

Die Transparenz hat gelitten

Zugespitzt formuliert, kommt die Deutsche Bundesbank in ihrem Stabilitätsbericht zu dem Ergebnis, dass die Finanzmarktturbulenzen nicht zuletzt auf einen Rückgang der Transparenz im Finanzsystem zurückzuführen sind. Dazu beigetragen haben erstens neue, oft schwer zu durchschauende Finanzinstrumente, zweitens neue, bzw. wichtiger gewordene, und oft gar nicht oder kaum beaufsichtigte Marktakteure und drittens ein neues Geschäftsmodell, bei dem Kredite kreiert, dann verbrieft und dann schließlich an Investoren verkauft werden.

Dieses „KVV-Modell“ bzw. Originate-and-distribute-Modell hat vor allem in den USA dazu beigetragen, dass zu viele und zu risikoreiche Kredite ausgereicht wurden. Erst jetzt wird nach und nach klar, in welchen „Brief-Kästen“, sprich: Portfolien, diese Risiken letztlich liegen. Diese strukturellen Entwicklungen vollzogen sich in einem Umfeld reichlich vorhandener monetärer Liquidität und einer zunehmenden finanziellen Globalisierung.

Die Unsicherheit hält an

Im Stabilitätsbericht hat die Bundesbank auf die angespannte Lage an den Finanzmärkten ausführlich hingewiesen. Remsperger (Bild) wies darauf hin, dass ein einige potenzielle Entwicklungen, die die Bundesbank bisher im Risikoszenario geführt hatten, nunmehr Wirklichkeit geworden sind und damit für das Basisszenario an Bedeutung gewonnen haben.

Das gilt besonders für die Wechselkurse und den massiv gestiegenen Ölpreis. „Die dämpfenden Effekte, die daraus für Deutschland resultieren, werden zwar zu einer Abflachung, aber nicht zu einem Abbruch des Wachstums führen. Der Grad der Abflachung dürfte nicht zuletzt auch von der weiteren Entwicklung des globalen Wachstums abhängen“, so der Bundesbank-Vorstand. Die unmittelbaren Auswirkungen der Finanzmarktstörungen auf das Wachstum in Deutschland halten die Bundesbank-Experten für begrenzt.

Remsperger wies darauf hin, dass gerade die letzten Tage deutlich vor Augen geführt haben, dass wir es im Grunde genommen mit zwei sich überlappenden Entwicklungen zu tun haben. Die eine Entwicklung ist dadurch gekennzeichnet, dass die schon im Sommer aufgetretenen Probleme weiter fortwirken. So ist zum Beispiel am US-Immobilienmarkt ein Ende der notwendigen Anpassungen noch nicht absehbar. Eher ist damit zu rechnen, dass die Kreditausfälle bei variabel verzinslichen Hypothekendarlehen noch zunehmen. Auch an den Märkten für Kreditrisikostransfers muss mit länger andauernden Anpassungen kalkuliert werden. Hinzu kommt dann eine weitere Entwicklung, die im Kern darin besteht, dass zusätzliche Finanzmarktsegmente von Belastungen betroffen werden. Als ein Beispiel dafür seien die staatlich geförderten Hypothekenrefinanzierer Freddie Mac und Fannie Mae genannt.

Die jüngsten Probleme im Finanzsystem haben sich im Zeitablauf immer mehr in Richtung der Banken bewegt, so der Remsperger weiter. „Zunächst stiegen die Risikoprämien, und die Verbriefungsmärkte gerieten in Stocken. Dann aber sahen sich Finanzinstitute zu einer ungeplanten und ungewollten Ausweitung ihrer Bilanzen genötigt, weil sie Kredite nicht wie vorgesehen weiterreichen konnten. Zudem wurden sie aus Liquiditätszusagen an Zweckgesellschaften in Anspruch genommen. Auf diese Weise wurden Risiken ins Bankensystem zurückverlagert.“ Zugleich müssen die auf die Bücher genommenen Aktiva mit Kapital unterlegt werden. Damit rückt nun, auch angesichts der nahenden Jahresabschlüsse, die Kapitalausstattung der Banken etwas stärker in den Blickpunkt. Sie hatte sich in den letzten Jahren durch hohe Gewinne aber deutlich verbessert und kann daher Belastungen abfedern.

Internationale Gremien arbeiten mit Hochdruck

Die Bundesbank wies darauf hin, dass die Aufarbeitung der Verwerfungen an den Finanzmärkten in den internationalen Gremien bereits auf vollen Touren läuft. Im Zentrum dieser Aktivitäten steht das Financial Stability Forum. Das FSF hat dabei vor allem eine koordinierende Funktion, während viele der konkreten Arbeiten in den Mitgliedsinstitutionen geleistet werden müssen, zum Beispiel den Baseler Ausschüssen für Bankenaufsicht und für das globale Finanzsystem. Das FSF hat im Auftrag der G7 eine Arbeitsgruppe unter dem Vorsitz von Mario Draghi eingerichtet. Seit Februar 2006 ist Draghi Chef der Banca d'Italia, der italienischen Zentralbank. Diese Arbeitsgruppe wird bis zum G7-Treffen im Frühjahr einen umfassenden Bericht erstellen. Dieser Bericht wird vor allem eine Analyse der Schwachstellen im internationalen Finanzsystem enthalten. „Auf dieser Grundlage kann dann ein etwaiger Handlungsbedarf aufgezeigt werden. Die thematischen Schwerpunkte der Arbeitsgruppe stehen im Einklang mit den Erkenntnissen, die wir in der Bundesbank bislang gewonnen und im Stabilitätsbericht als Zwischenfazit der Finanzmarktturbulenzen skizziert haben“, so Remsperger.

Die vier großen R-Themen

Nach Meinung der Bundesbank stehen die vier großen „R-Themen“ im Vordergrund: Risikomanagement, Rechnungslegung, Ratings und regulatorisches Rahmenwerk. Und damit zu einem großen Teil Fragen die sich um eine angemessene Transparenz im Finanzsystem ranken. „Zur Verbesserung der Transparenz müssen alle am Originate-to-distribute-Modell Beteiligten beitragen: Kreditgeber, Arrangeure, Investoren und nicht zuletzt die Ratingagenturen. Vor allem Ratings strukturierter Finanzprodukte unterliegen Modellrisiken und dem Risiko, dass sich Annahmen, zum Beispiel über die Entwicklung gesamtwirtschaftlicher Daten oder Ausfallkorrelationen, im Nachhinein als nicht haltbar herausstellen“, so Remsperger. Bei der notwendigen Weiterentwicklung der Ratingmethodik ist auch an die Überprüfung der Reaktion der Ratingergebnisse auf eine Variation der Annahmen in Stresstests und Szenarioanalysen zu denken, die ebenfalls transparent gemacht werden sollten.

Da sich die Risikoeigenschaften bei strukturierten Finanzprodukten deutlich von denen klassischer Anleihen unterscheiden, erscheint Remsperger nicht zuletzt die Verwendung einer separaten Ratingskala für strukturierte Finanzprodukte ein vielversprechender Beitrag zur Herstellung der notwendigen Transparenz zu sein. In diesem Zusammenhang wies der Bundesbank-Vorstand auch darauf hin, dass eine Transparenzschaffung umso schwieriger wird, je komplexer die Finanzprodukte werden. Remsperger: „Hier sind die Finanzinstitute aber auch selbst gefordert, mehr Durchsicht zu ermöglichen. Zugleich könnte eine Tendenz zu einfacheren Finanzprodukten wieder mehr Licht ins Finanzsystem bringen. Last but not least werden wir uns auf der internationalen Ebene gewiss auch mit den Erfahrungen in der Geldmarktsteuerung während der Finanzmarktturbulenzen auseinandersetzen. Für die Bundesbank möchte ich dabei nachdrücklich unterstreichen, wie sehr sich der Handlungsrahmen, aber auch die Handlungsfähigkeit im Eurosystem bewährt hat. Kurzum, wir haben eine Bewährungsprobe bestanden, bleiben aber weiterhin herausgefordert."

 

Download des Finanzstabilitätsberichts 2007: 

 

[Bildquelle: Pixelio]



Kommentare zu diesem Beitrag

related topics

related news

Interview

Interview with Raffael Kalisch

Crises are the best "resilience training"

RiskNET [Editor-in-chief]17.10.2017, 08:10

Engineers refer to a resilient system if failure of one part does not lead to complete failure of all technical systems. An ecosystem is said to be resilient if it returns to its initial condition...

Interview

Quo vadis Big Data?

Big Data and the world of algorithms and analyses

RiskNET [Editor-in-chief]22.09.2017, 13:15

Big data is in fashion. Especially the economy has been calling for greater implementation of new methods of analysis for years. Some people are convinced that they can maintain an overview of...

Interview

Opportunity and risk management

In the shadow of risks there are also opportunities

RiskNET [Editor-in-chief]05.07.2017, 08:54

Political and social risks, economic disagreements and increasing digitalisation – with rising volumes of data to be analysed – the insurance industry has to cope with a very heavy burden. We spoke...

Interview

Interview with Benedikt Doll, biathlete

Meticulous preparation and nothing left to chance

RiskNET [Editor-in-chief]09.06.2017, 08:30

Sport and business have a lot in common. Not just in terms of sponsorship, advertising and TV contracts. The two disciplines also have parallels in the importance of meticulous preparation. Biathlon...

Science

Neuroeconomics

Approaches to study risk taking in neuroscience

Alexander Niklas Häusler | Bernd Weber01.06.2017, 10:03

To interpret insights from the field of neuroeconomics for other disciplines or applications in the domain of financial choices [for a short overview: see Häusler and Weber, 2015], it is important to...