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Nachlese RiskNET Summit 2015

Krisen, Chancen, Wachstumsmärkte

Andreas Eicher / Frank Romeike [Redaktion RiskNET]19.10.2015, 11:05

"Die globale Wirtschafts- und Finanzkrise hat die allgemeine Wachstumseuphorie kaum erschüttert. Und nicht nur das, die Steigerung des Wirtschaftswachstums gilt in der Krise sogar noch als Patentrezept für deren Lösung." Was Le Monde diplomatique im "Atlas der Globalisierung" beschreibt, war im Grunde auch im Rahmen des RiskNET Summit 2015 ein Thema. Die Risikolandkarte ist groß, eng vernetzt und muss daher im globalen Maßstab und unter Beachtung des Wachstumsdilemmas aufgeschlagen werden. Ein Beispiel bieten die Turbulenzen an den weltweiten Finanzmärkten. Dr. Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A., und Referent des RiskNET Summit 2015 stellte klar, dass das Wachstum der Weltwirtschaft einen klaren Trend nach unten zeigt. Hierzu tragen nach Einschätzung von Hüfner beispielsweise Fragen um die wirtschaftliche Entwicklung Chinas, die Zinserhöhung in den USA sowie schlechte Unternehmensnachrichten, unter anderem bei Volkswagen oder Glencore, bei. Zugleich sieht Hüfner Licht am Ende des Tunnels oder die Lage nicht so pessimistisch wie Teile der Medien, kritischer Ökonomen oder Globalisierungsgegner. "Ich halte eine Rezession der Weltwirtschaft dennoch nicht für wahrscheinlich", so Hüfner.

Differenzierte Betrachtung und Chinas Blackbox

Wichtiger als globale Zahlen sei nach Hüfners Worten die Differenzierung. Ein Beispiel bilden die sogenannten Emerging Markets, die lange zu den Wirtschaftstreibern zählten. Plötzlich geraten Emerging Markets in das Hintertreffen und entwickelte Länder nehmen an Dynamik zu. Wer sind die Emerging Markets? Hierzu zählt unter anderem China. Das Problem mit China sieht Volkswirt Hüfner unter anderem darin, dass das Land keine validen und nachprüfbaren Wirtschaftszahlen offenlegt. Merkwürdig erscheint Chinas Praktik, seine Zahlen immer als erstes zu veröffentlichten und diese nie zu korrigieren. Am Ende des Jahres stimmen die Zahlen dann auch noch exakt mit den Prognosen überein. Plan- und Zielabweichungen existieren im Land der aufgehenden Sonne nicht. Das werfe nach den Worten von Martin Hüfner Fragen auf.

Um sich dem Thema zu nähren, wäre der chinesische Stromverbrauch ein Indikator, aber der greift nur bei der Old Economy. "Bei der New Economy greift das zu kurz, denn China stellt sein System um", so der Chefvolkswirt. Die New-Economy-Indikatoren steigen im Gegensatz zu Indikatoren der Old Economy. Für Hüfner ist China eine Blackbox. In diesem Zusammenhang sprach "Spiegel Online" am vergangenen Wochenende in einem Beitrag von einem erfahrenen europäischen Diplomaten, der kürzlich seinen Abschied nahm" und beklagte, "wie wenig er von China verstehe, selbst nach so vielen Jahren". Und weiter: "Das Land ist so komplex geworden, dass Sie inzwischen für fast jede Behauptung über China einen Beweis finden." Trotz aller pessimistischen Einschätzungen zum chinesischen Markt kommt das Land nicht in eine Rezessionsgefahr. Der Tiefpunkt sei nach den Worten Hüfners bereits überwunden. Denn China ist eine große und weiter wachsende Wirtschaft, die vor allem Wachstum brauche.

Bei einem Blick auf die Wachstumszahlen ist es auch wichtig zu berücksichtigen, dass in den Statistiken in der Regel kaufkraftbereinigte Zahlen angegeben werden. Solche Zahlen haben keine Relevanz für die Konjunktur. In "echten", nicht kaufkraftbereinigten Zahlen produziert China in diesem Jahr ein Bruttoinlandsprodukt von 11.000 Mrd. US-Dollar. Wenn das Wachstum um einen Prozentpunkt niedriger ausfallen sollte, dann wäre das rund 110 Mrd. US-Dollar weniger. Das entspricht 0,15 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Die Weltwirtschaft würde also nicht um 3,5 Prozent wachsen, sondern vielleicht um 3,3 Prozent oder 3,4 Prozent. Das ist nichts, was die Konjunkturperspektiven (und die Weltbörsen) umwirft. Siehe hierzu auch den Wochenkommentar China-Hysterie.

Dr. Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.

Ein volkswirtschaftlicher Blick auf die globale Risikolandkarte

Düsterer urteilt Chefvolkswirt Hüfner über Brasilien und Russland. Korruption, Misswirtschaft und Rezession verfolgen beide Volkswirtschaften. Sie sind bereits in der Rezession und die Länder werden vermutlich auch im kommenden Jahr keine positiven Wachstumsraten erreichen. Auch die Türkei und Südafrika tun sich schwer. Und da ist "Das Unbehagen am Wachstum", wie Le Monde diplomatique schreibt. Denn es spielt keine Rolle ob Brasilien, Russland oder Südafrika. Die genannten Länder kämpfen zumeist mit einem immensen Korruptionssumpf. Und doch müssen kulturelle Unterschiede mit in die Betrachtung von Compliance-Vergehen einbezogen werden.

Blick ins Auditorium RiskNET Summit 2015

Exkurs: Unterschiedliche Compliance-Kultur

Erstaunlich an der ganzen Compliance-Diskussion ist die Tatsache, dass sich die Frage der Unternehmens- oder Compliance-Kultur rein auf die jeweilige Organisation bezieht, ergo das große Ganze außen vor lässt. Denn wie eingangs beschrieben sind Länderkulturen unterschiedlich und ein übergestülpter Compliance-Ansatz fasst hier zu kurz – nicht nur aus sprachlichen oder regulatorischen Gründen, sondern aufgrund kultureller Gesichtspunkte. Im Umkehrschluss heißt das, die Binnensicht zu verlassen und den Blick auf die Außensicht zu lenken.

Beispiel: Südafrika. Das Land gilt als Paradebeispiel einer gelungenen Wende von einem Apartheidsystem hin zu einem gewaltfreien und demokratischen Weg als Regenbogennation. Und doch herrscht weiterhin eine Zweiklassengesellschaft.
Das heißt, ohne Schmiergeldzahlungen, politisch motivierte Einflussnahme im Sinne der Herrschenden und "Auftragsschiebereien" geht in vielen Bereichen nichts. Die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) formuliert es so: "In einer Umgebung, in der eine schwarze Mittelschicht dank staatlicher Förderprogramme rasch wachsen kann und auch die Gruppe der 'Black Diamonds', der neureichen Schwarzen, an Einfluss gewinnt, gedeiht die Korruption. Für diejenigen unter 'Mandelas neureichen Enkeln', die sich dabei auch noch lukrative Staatsaufträge sichern können, hat die Gesellschaft den Begriff 'Tenderpreneurs' geprägt, eine Wortschöpfung aus 'tender' (Ausschreibung) und 'entrepreneur' (Unternehmer)."

Beispiel: Russland. Auch das flächenmäßig größte Land der Erde kämpft mit Korruption. Zu den Sprachbarrieren (Anmerkung: Russischkenntnisse sind im Umgang mit Behörden sowie in den Regionen unabdingbar) kommen für ausländische Investoren die enormen Entfernungen hinzu. Das heißt, was in Moskau beschlossen wird, muss in Nowosibirsk oder Wladiwostok nicht unbedingt Maßstab sein. Lokale Machthaber, regierungstreue Politiker sowie Verwalter sichern sich ihre Pfründe und verdienen kräftig mit bei regionalen Entwicklungs- und Wirtschaftsvorhaben. Und darauf müssen sich ausländische Investoren einstellen. Bestechung, bürokratische Hürden (die teils mit Schmiergeldern aus dem Weg geräumt werden) und das Sponsoring örtlicher Einrichtungen öffnen die Türen zum Business. Der "Exportbericht Russland" der "Außenwirtschaft Austria" in Kooperation mit der Industrie- und Handelskammer in Bayern kommt zu dem Schluss: "Die wohl wichtigsten Charakteristika hierbei sind die große Bedeutung der Schattenwirtschaft, das Vertrauen auf persönliche und informelle Beziehungen, das ausgeprägte Hierarchiedenken und die besondere Stellung der Bürokratie. Laut Schätzungen bewegen sich mehr als 30 Prozent der russischen Wirtschaft im Schwarz- und Graubereich, sodass russische Geschäftsleute die Tendenz haben, auch im Geschäft mit Ausländern Verträge über Drittfirmen zu konstruieren und gesetzliche Anforderungen und Probleme zu umgehen." Und der Bericht sieht eine vielfach hemmende Bürokratie als weiteres Problem: "Die Zusammenarbeit mit der russischen Bürokratie gestaltet sich oftmals schwierig. Große Ermessenspielräume, informelle Netzwerke und niedrige Gehälter einfacher Beamter begünstigen Problemsituationen, die zu unorthodoxen Vorgehensweisen führen können. Außerdem können eine Vielzahl widersprüchlicher Vorschriften und eine sehr formalistische Auslegung von Bestimmungen eine rasche Erledigung von Behördenwegen verhindern."

Siehe hierzu auch den Text ComplianceVom Gesetz zum kulturellen Unterschied

Von Indien nach Japan in die USA

Andererseits steht es um Indien gar nicht so schlecht. Das Land tue nach Ansicht von Hüfner alles, um China jedenfalls in Sachen Wachstumsraten zu überholen. Bei der absoluten Höhe des Sozialprodukts hinke Indien allerdings weit hinterher. Das Auswärtige Amt schreibt hierzu: "Indiens Wirtschaft hat sich zuletzt erholt und an Dynamik gewonnen. Das Wirtschaftswachstum lag im Haushaltsjahr 2014/2015 bei 7,4 Prozent. Trotz struktureller Mängel zählt Indien damit nach wie vor zu den am stärksten expandierenden Volkswirtschaften der Welt. Im Vergleich zu anderen BRICS-Staaten kann Indien sich derzeit besser positionieren" (Stand Oktober 2015).

Japan hingegen ist als eine der führenden Industrienationen noch nicht auf einem stabilen Wachstumspfad. Das Land ist technologisch hochentwickelt, verfügt aber über wenig Rohstoffe. Japan versucht mit dem Konjunkturprogramm Abenomics II wieder Richtung Wachstum zu gelangen. Für die drittgrößte Volkswirtschaft der Erde ist ein wichtiges Thema das Demografieproblem. Japan leidet unter einem Bevölkerungsrückgang, hält gleichzeitig an traditionellen Strukturen fest. Und diese sehen keine gezielte Migration vor, was nach der Einschätzung von Hüfner für Japan in naher Zukunft zu einem gravierenden Problem werden könne.

Mit einem abnehmenden Wachstum müssen auch die USA umgehen. Dramatischer Wachstumseinbruch, wobei sich das Potenzialwachstum von rund 3,5 Prozent auf unter 2 Prozent reduziert hat. Für Hüfner wird es zu einem dramatischen Anpassungsprozess kommen.

Europa auf Wachstumskurs

Die einzige Region, in der es Realwirtschaft zu einem Wachstum kommt, ist Europa. Der europäische Wirtschaftsraum sei nach der Eurokrise auf dem Weg der Erholung. Spanien wächst um drei Prozent. Dort habe nach Hüfners Worten die Reformpolitik gefruchtet. Auch in Italien ist eine Besserung in Sicht. In Deutschland sei die Situation noch gut, aber es herrsche ein Stillstand bei Reformen. Ein Thema, das übrigens EU-weit zu beobachten ist. Die Unsicherheit über den weiteren Reformkurs in Europa trägt zu weiterer Unsicherheit bei. Aktuell zeigt sich dies auch am Beispiel der aktuellen Flüchtlingsdiskussion. "Deutschlandradio Kultur" stellte in diesem Kontext bereits im April 2015 klar: "Europa fehlt ein Konzept. Dabei ist ziemlich klar, was passieren muss […] Europa muss die Schleuser bekämpfen. Die machen ein Riesengeschäft mit der Verzweiflung derer, die vor Krieg, Terror oder Hunger fliehen. Sie verdienen bestens daran, dass Europa auf Abschottung setzt. Denn je höher die Hürden und Zäune, desto größer das Risiko, sie zu überwinden. Und genau dieses Risiko lassen sich die Schleuser gut bezahlen."

Die Rahmenbedingungen für die Weltkonjunktur (Zinsen, Liquidität, öffentliche Defizite) sind für den Volkswirt Hüfner unverändert gut. Wenn sich die Wirtschaft stärker abschwächen sollte, werden Regierungen und Zentralbanken hier sicher noch nachlegen. Die Chinesen haben das schon angekündigt. Und Hüfner resümiert: "Es gibt keine Rezession der Weltwirtschaft. Emerging Markets bleiben in Schwierigkeiten. Die USA halten sich gut, erfüllen aber nicht die Erwartungen. Europa wird der Champion 2016." Ob das so kommt, werden die kommenden Monate zeigen. Denn es gibt in Europa viel zu tun. Oder wie es Le Monde diplomatique formuliert: "Die zukunftsentscheidenden Fragen lauten: Wie können – unter Bedingungen schrumpfender Wachstumsraten – Arbeitsplätze, Renten, Bildung, medizinische Versorgung gesichert werden?" Und darauf muss Europa, müssen die globalen Player Antworten liefern.  

Dr. Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A. warf einen Blick auf die globale Risikolandkarte

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Dialog beim RiskNET Summit 2015: Dr. Dr. Manfred Stallinger und Prof. Dr. Michael Huth

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Peter Berner, LEONI AG im Dialog mit Dr. Karsten Prause, Stadtwerke München

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[ Source of images: Stefan Heigl / RiskNET GmbH ]


Kommentare zu diesem Beitrag

Redaktion RiskNET/19.10.2015 11:51
+++ Bundesbankvorstand hält Wachstumssorgen um China für übertrieben +++

Bundesbank-Vorstandsmitglied Joachim Nagel hält die in Deutschland herrschenden Sorgen wegen der Wachstumsverlangsamung in China für übertrieben. Beim Bayerischen China-Tag in Ingolstadt sagte Nagel, nur ein regelrechter Wachstumseinbruch hätte spürbare Auswirkungen für die deutsche Wirtschaft. "Nach unseren Schätzungen würde ein um vier Prozentpunkte niedrigeres Wachstum in China das deutsche Bruttoinlandsprodukt etwa um einen Viertel Prozentpunkt reduzieren. Ein solcher Einbruch ist zurzeit aber nicht zu erwarten", sagte Nagel.

Die Regierung hatte am Morgen mitgeteilt, dass das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) im dritten Quartal um 6,9 Prozent über dem Niveau des dritten Quartals 2014 gelegen hat. Das war weniger als im Vorquartal, als das BIP um 7,0 Prozent gestiegen war, aber ein wenig mehr als erwartet (6,8 Prozent). Das reale Wachstum beruhte zumindest teilweise auf sinkenden Preisen. Das nominale Wirtschaftswachstum war mit nur 6,2 Prozent das schwächste seit 1999.

Bundesbank-Vorstand Nagel verwies allerdings darauf, dass "heute ein Wachstum von 7 Prozent einen größeren ökonomischen Fußabdruck in der Weltwirtschaft hinterlässt, als etwa ein Wachstum von 11 Prozent im Jahr 2005". Zudem seien moderatere Wachstumsraten eine typische Folge im Aufholprozess von aufstrebenden Volkswirtschaften bei steigendem Pro-Kopf-Einkommen. "Wir sehen eine deutliche Korrektur im Industriesektor, bei dem nunmehr Überkapazitäten abgebaut werden. Dies bestätigen auch deutsche Exporteure und Produzenten vor Ort", sagte Nagel.

Der Einbruch der chinesischen Finanzmärkte im Sommer dieses Jahres war laut Nagel vor allem die Korrektur eines vorangegangenen rasanten Anstiegs. Neben dem niedrigeren Wachstumsausblick hätten Spekulationen über den Zeitpunkt einer US-Zinserhöhung und die für einen August typische niedrige Finanzmarktliquidität zu dem Absturz beigetragen. "Diese verschiedenen Faktoren gemeinsam können erklären, warum die Korrektur an den Märkten so heftig ausfiel", sagte Nagel.

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