01.08.2010
RiskNET - The Risk Management Network -September 2006

Autor: Frank Romeike

Sind wir die Narren des Zufalls?

Um es gleich vorweg zu nehmen: Von Risikomanagement hält Nassim Taleb nicht viel. Er bezeichnet die Methoden als "gefährliche und irreführende Scharlatanerie". Taleb führt in seinem Buch "Fooled by Randomness" aus, dass Wirtschaftsunternehmen und Finanzinstitute in letzter Zeit die merkwürdige Position eines Risikomanagers geschaffen haben, der über die Organisation wachen und sicherstellen soll, dass sie nicht zu viel russisches Roulette spielt. Nachdem sie sich Finanzinstitute mehrfach die Finger verbrannt haben, sehen sie offensichtlich genügend Anreize dafür, jemanden den Generator analysieren zu lassen – das Rouletterad, das Gewinne und Verluste erzeugt.Taleb hat immer wieder erwogen, die Position eines Risikomanagers anzunehmen – aus wirtschaftlichen Gründen und weil die Jobangebote intellektuell gehaltvoller sind. Außerdem enthält das Blut eines Risikomanagers geringere Mengen schädlicher Stresshormone, so Taleb weiter. Für ihn mutet die Position eines Risikomanagers merkwürdig an: Die Macht der Risikomanager, profitable Händler daran zu hindern, Risiken einzugehen, ist begrenzt. Der Schwerpunkt der Risikomanager verlagert sich also auf rein unternehmenspolitische Spielchen: Sie schützen sich durch vage formulierte interne Mitteilungen, die vor der Risikoübernahme warnen, sie aber nicht völlig verurteilen – aus Furcht, ihren Job zu verlieren, so Taleb. Wie ein Arzt, der zwischen zwei Fehlern hin- und hergerissen ist – nämlich falschen positiven Ergebnissen (wenn er einem Patienten eröffnet, dass er Krebs hat, obwohl das in Wahrheit gar nicht zutrifft) und dem falschen negativen Ergebnis (wenn er einem Patienten sagt, er sei gesund, während er in Wahrheit an Krebs leidet) – müssen die Risikomanager ihre Existenz mit der Tatsache vereinbaren, dass in ihrem Geschäft von Haus aus immer eine gewisse Fehlermarge erforderlich istDie Schwierigkeit bei jedem Risikomanagement besteht darin, dass jene Ereignisse, die einen am härtesten treffen können, am wenigsten erwartet werden. Die Erfahrungsbasis, auf die wir unsere Erwartungen stützen, ist häufig zu schmal. Die Ereignisse, die unsere Geschichte geprägt haben, sind statistische Ausreißer, so Taleb.

Taleb ist dafür bekannt, dass er sich gerne über andere Leute lustig macht. Dies wirkt mitunter allerdings auch sehr arrogant. Diesen Hang zur Arroganz erkennt jeder, der die Narren des Zufalls gelesen hat. Die Zeitschrift "The New Yorker" nennt Taleb den "Hauptdissidenten der Wall Street". Böswillige Zungen behaupten auch, er hätte "Fooled by Randomness" nur zur Selbsttherapie geschrieben. Denn Talb macht genau das Gegenteil von dem, was andere Investoren tun. Er wettet nicht auf steigende oder sinkende Kurse an den Märkten. Vielmehr ist Taleb davon überzeugt, dass die anderen Marktteilnehmer weniger wissen, als sie glauben. Taleb kauft Derivate für den Fall, dass der Markt extreme, unvorhersehbare Sprüngen vollzieht (wie etwa in der Folge des 11. September 2001). Bis dies passiert, beobachtet er neidisch – und manchmal eben auch etwas arrogant – die erfolgreichen Händler, die davon überzeugt sind, dass sie etwas wissen. Zum Trost: Risikomanager werden nach Lektüre des "Narren-Buches" verstehen, wie man trotzdem mit den richtigen Mitteln das Risiko des Misserfolgs reduzieren kann. Denn laut Taleb lässt sich moderater Erfolg durch Fähigkeiten und Fleiß erklären. Stürmischer Erfolg ist auf Varianzen zurückzuführen. Die "Qualität" eines (Risiko-)Managers wird also vielmehr durch reines Glück und Zufall bestimmt. Fälschlicherweise wird dies nicht selten für Geschick gehalten. So einfach ist die Formel nach Taleb. Statt komplexe Methoden und Formeln sollten die Risikomanager dieser Welt das nächste Mal vielleicht lieber einen Regentanz aufführen.Taleb vergleicht das Leben als Kapitalmarktteilnehmer mit einem gigantischen russischen Roulette, das Tausende leere Kammern enthält, aber eine geladene. Laut seinen Aussagen entstehen an den Finanzmärkten Anomalien, die auf den Irrationalitäten der Marktteilnehmer basieren.

Eine Grundaussage der Forschungsrichtung über Anomalien an den Finanzmärkten ("Behavioral Finance"), die Aspekte aus Ökonomie und Psychologie verbindet, lautet denn auch: Sobald sich ein Anleger auf das rutschige Börsenparkett wagt, wird er von zwei entscheidenden Emotionen beeinflusst – Angst und Gier. Taleb wurde in der Nähe von Beirut geboren und schloss sein Studium an der Wharton School of Finance ab. Anschließend promovierte er an der Universität von Paris. Er ist außerdem Gründer und Leiter des Trading-Unternehmens Empirica Capital LLC und war als Börsenhändler in New York, Chicago und London tätig. Sein Buch über Derivate gilt in Fachkreisen als "Bibel"."Die meisten Menschen gehen davon aus, dass alle Schwäne weiß sind, weil ihre Erfahrung sie das lehrt. Doch auch wer nur weiße Schwäne gesehen hat, darf daraus nicht schließen, dass alle weiß sind. Es gibt schwarze Schwäne. Ein Beispiel für einen teuflischen schwarzen Schwan ist der 11. September 2001. Auch was wir nicht erwarten, kann geschehen. Wir sind wir Autofahrer, die dauernd in den Rückspiegel blicken und deshalb unvermeidlich gegen die nächste Wand fahren."

Eine Rezension seines Buches "Narren des Zufalls" finden Sie hier 

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