Autor: Frank Romeike
"Es bleibt stürmig"
Scheinbar paradox: Wir versinken im Schnee und gleichzeitig steigt die globale Erwärmung unvermindert an. Jüngste Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass die globale Erwärmung das Eis am Nord- und Südpol schneller schmelzen lässt als bisher erwartet. Parallel löst der Anstieg der Temperaturen durch den Treibhauseffekt auch immer mehr Naturkatastrophen wie jüngst die Hurrikane in der Karibik, die Taifune im Westpazifik sowie Dürren und Überschwemmungen aus.
Experten rechnen auch für das Jahr 2006 mit einer "sehr aktiven" Sturmsaison, da sich die Weltmeere zunehmend erwärmen. Nach Berechnungen der SwissRe hatten im vergangenen Jahr diverse Katastrophen, darunter 15 Hurrikane, die Assekuranz die Rekordsumme von 83 Mrd. US-Dollar gekostet. Die Gesamtschäden beliefen sich – nach Berechnungen der Münchener Rück – auf etwa 210 Milliarden US-Dollar und stellen einen neuen Rekord auf (1995 war das bisher teuerste Jahr mit 175 Milliarden US-Dollar). Im vergangenen Jahr konnten wir aber vor allem die aktivste Hurrikansaison seit Beginn der Aufzeichnungen beobachten – und gleichzeitig die teuerste für die Versicherungswirtschaft. Im Jahr 2004 beliefen sich die Kosten in der Folge von Naturkatastrophen auf "nur" 48 Mrd. US-Dollar.
Quelle: Münchener Rück
Katrina war der sechststärkste Hurrikan seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1851 – und mit 60 Milliarden US-Dollar die bis dato teuerste versicherte Naturkatastrophe, so die Experten der Münchener Rück in einer aktuellen Studie. Rita, der viertstärkste jemals gemessene Hurrikan, wies mittlere Windgeschwindigkeiten von bis zu 280 km/h auf. Wilma war der stärkste Hurrikan, der bisher im Atlantik registriert wurde; seine Gesamtschäden beliefen sich auf rund 18 Milliarden US-Dollar. Ende November traf mit Delta erstmals, seit es Aufzeichnungen gibt, ein tropischer Wirbelsturm auf die Kanarischen Inseln.
CO2-Konzentrationen der letzten 400.000 Jahre
Durch Analysen von Eisbohrkernen (etwa von der Vostok-Station in der Antarktis) können Wissenschaftler analysieren, wie sich der CO2-Gehalt der Atmosphäre in den vergangenen Jahrtausenden verändert hat. Die Ergebnisse sind verblüffend: Über 400.000 Jahre schwankte der CO2- Gehalt der Atmosphäre - in wechselseitiger Abhängigkeit von der gemessenen Temperatur - im Rhythmus der Eiszeitzyklen zwischen 180 ppm und 300 ppm. Soweit so gut. Die Alarmglocken gehen jedoch an, wenn man berücksichtigt, dass heute dieser Wert auf 380 bis 390 ppm angestiegen ist!
Innerhalb der vergangenen Jahrzehnte haben wir heute einen CO2-Gehalt erreicht, der um ein Drittel höher ist, als die in den vergangenen 400.000 Jahren erreichten Maximalwerte. Was passiert, wenn eine bestimmte Toleranzgrenze erreicht wird? Gerät das natürliche Gleichgewicht aus den Fugen? Beginnt eine hypertrophe Eigendynamik, so dass eine weitere Erhöhung der Temperatur zu einer massenhaften Freisetzung von Methan und CO2 aus den Weltmeeren oder dem Permafrostböden führt, welche die Temperatur weiter nach oben treiben würde?
Quelle: Quelle: „Vostok“ (Antarktis) Eisbohrkerne, World Data Center for Paleoclimatology, NOAA, Boulder, CO, USA
"Was nun?" fragen sich die Experten?
Einen sinnvollen Weg schlägt die Münchener Rück Stiftung "Vom Wissen zum Handeln" vor: Risikobewusstsein ist der Schlüssel!
Die Experten formulierten im November vergangenen Jahres die 10 größten Herausforderungen der Zukunft für eine optimierte Risikoprävention (Hohenkammer-Charta):
Armut: Menschen, die in Armut leben, sind besonders verletzlich. Armutsbekämpfung ist deshalb ein Schlüsselelement.
Menschen: Bemühungen der Katastrophenvorsorge müssen bei den Menschen in den Risikogebieten ansetzen.
Entscheidungsträger: Engagement der Entscheidungsträger auf Gemeinde- bis Regierungsebene ist die Grundvoraussetzung dafür, funktionierende Vorsorgemaßnahmen rasch umzusetzen.
Dialog: Der Meinungsaustausch zwischen den Beteiligten muss vorangetrieben werden, um ein gleiches Verständnis für Probleme und Lösungen zu entwickeln.
Partnerschaften: Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Betroffene müssen mehr und besser zusammenarbeiten: Bündnisse – Public-Private Partnerships – müssen mit Leben gefüllt werden.
Entwicklungspolitik: Risikoprävention muss als zentraler Maßnahmenbestandteil in der Entwicklungszusammenarbeit und nationalen Programmen ausgewiesen und in diese implementiert werden.
Verbreitung: Viel versprechende Ansätze des risikogerechten Vorbeugens auf Gemeindeebene, die heute bereits existieren, müssen rund um den Globus übernommen und verbreitet werden.
Anreize: Politische, rechtliche und wirtschaftliche Anreize sind notwendig, um Investitionen in Katastrophenprävention zu fördern und die Prozesse zu beschleunigen.
Versicherung: Risikotransfer wie Versicherungen und Solidargemeinschaften hilft, die Verletzlichkeit von Regierungen und Menschen in Risikosituationen zu reduzieren.
Bewusstseinsbildung: Risikobewusstsein ist der Schlüssel für adäquate Maßnahmen, bevor sich Katastrophen ereignen.
Und, man könnte ergänzen: Wir sind nicht nur für das verantwortlich, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.
Weitere Informationen zum Autor finden Sie hier
Literaturhinweis und Bildnachweis:
Münchener Rück: Topics Geo: Jahresrückblick Naturkatastrophen 2005.
Bildnachweis: Image courtesy of Earth Sciences and Image Analysis Laboratory, NASA Johnson Space Center, Bild-Nummer ISS008-E-19646. http://eol.jsc.nasa.gov
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