01.08.2010
RiskNET - The Risk Management Network -Juni 2008

Autor: Dr. Werner Gleißner

Die Probleme im Denken mit Opportunitäten, Wahrscheinlichkeiten und wissenschaftlichen Gewissheiten – am Beispiel des Klimawandels.

Entscheidungen basieren auf Annahmen über den Status quo, die zu erwartende Zukunftsentwicklung und (impliziert) solchen über die maßgeblichen Sachzusammenhänge, die meist mehr oder weniger unsicher sind. Fundierte Entscheidungen erfordern eine Einschätzung des Grads an Sicherheit (oder umgekehrt des Risikos), der den Annahmen und Prognosen zu Grunde liegt – man spricht von "Entscheidungsfindung unter Unsicherheit". Es ist notwendig erwartete Ergebnisse und Risiken (Chancen und Gefahren) abzuwägen. Dies gilt in Unternehmen genauso wie in der Politik. Die notwendige transparente Einschätzung des Grads an Unsicherheit von Annahmen unterbleibt jedoch bei vielen Entscheidungen – sei es aus taktischen Gründen und persönlichen Interessen, psychologisch bedingte Fehleinschätzungen ("Kontrollillusion") oder auch wegen Ideologen.

Diese ermöglichen die Vereinfachung einer Entscheidungssituation durch festgezurrte und nicht mehr kritisch hinterfragte Vorstellungen, und verhindern, dass über Unsicherheit von Annahmen nachgedacht wird.

Deutlich wird dieses Problem am Beispiel der momentan aktuellen, öffentlichen Diskussion um den Klimawandel und die hier erforderlichen politischen Maßnahmen. Ein Thema, das für die breite Öffentlichkeit ebenso interessant ist, wie für die Zukunftsplanung (und auch die Risikoeinschätzung) von Unternehmen.

Kritische Annahmen am Beispiel "Klimawandel"

Ein Blick in die Medien und die dort veröffentlichten Aussagen des Weltklimarats (IPCC-Intergovernmental Panel on Climate Change) führen zur (scheinbaren) völligen Klarheit hinsichtlich folgender zentralen Kernaussage:

Die Menschheit muss gemeinsam dem als sicher zu erachtenden, im Wesentlichen durch die CO2-Emmissionen der Menschen ausgelösten Temperaturanstieg durch sofortige globale Maßnahmen der CO2-Reduzierung begegnen, um schwerwiegende negative Auswirkungen – evtl. eine Klimakatastrophe – zu vermeiden.


Wie sicher ist diese Aussage aber tatsächlich? Auch ohne Fachspezialist für Klimaforschung zu sein kann man sich diesem Problem nähern, indem man zunächst einmal die wesentlichen Annahmen aufzeigt, was im Folgenden beispielhaft und sehr vereinfacht geschieht. Im nächsten Schritt kann man dann überlegen, wie sicher die jeweiligen Annahmen sind, wobei der "Nichtexperte" hier die Einschätzungen der jeweils maßgeblichen Fachexperten heranziehen kann – natürlich unter Berücksichtigung der bestehenden Meinungsunterschiede, die auf unsichere Annahmen hindeuten.

Was sind die zentralen Annahmen? Als wesentlich kann man die folgenden ansehen:

  1. Die Temperatur ist auf der Erde in den letzten (rund) 150 Jahren statistisch signifikant angestiegen.
  2. Der Anstieg ist im Wesentlichen durch die CO2-Emmission der Menschen verursacht, d. h. diese ist kausale Ursache (und nicht etwa Folge) des Temperaturanstiegs und auf den Menschen (und nicht andere Quellen) zurückzuführen.
  3. Ohne eine globale Initiative wird sich der durch die Menschen ausgelöste Anstieg des CO2–Gehalts in der Atmosphäre und der Temperaturanstieg auch in Zukunft fortsetzen.
  4. Es wird auch in Zukunft keine gegenläufigen, natürlichen Entwicklungen geben, die die Wirkung des menschlichen CO2–Ausstoßes überkompensieren und damit zu einer Reduzierung der Temperatur beitragen.
  5. Der Temperaturanstieg ist insgesamt für die Menschheit ungünstig, weil negative Auswirkungen gegenüber den günstigen Auswirkungen überwiegen.
  6. Der adäquate Weg der Menschheit mit einem Temperaturanstieg umzugehen besteht darin, den CO2–Ausstoß zu begrenzen – und sich nicht etwa an eine mögliche Klimaveränderung anzupassen.
  7. Die Maßnahmen zur CO2–Reduzierung müssen jetzt (und nicht später) umgesetzt werden.
  8. Der Einsatz volkswirtschaftlicher Ressourcen (Anteile des Sozialprodukts) für die Reduzierung des CO2–Ausstoßes bringt einen größeren Nutzen als eine mögliche alternative Verwendung (z.B. für eine Seuchenbekämpfung oder eine Weiterbildungsinitiative in den Entwicklungsländern).


Betrachtet man die Annahmen, die sämtlich erfüllt sein müssen, um die obige Aussage zu rechtfertigen, treten doch auch bei Nicht Klimaexperten gewisse Zweifel auf. Sind wirklich alle diese Annahmen völlig sicher? Man hat den Eindruck, dass manche Aspekte überhaupt noch kaum diskutiert wurden – und bezüglich anderer Fragen auch bei den Fachexperten (den Klimaspezialisten) durchaus noch divergierende Einschätzungen bestehen.

Am gesichertsten scheint zu sein, dass die Temperatur auf der Erde gestiegen ist und weiter steigen wird und dies durch den menschlichen CO2–Ausstoß verursacht ist. Eine von Prof. Mathias Kepplinger (Universität Mainz) bei deutschen Klimaforschern durchgeführte Befragung zeigt jedoch selbst hier, dass von einem gesicherten Konsens keine Rede sein kann. So sind nur 46 % der 133 antwortenden Klimaforscher davon überzeugt, dass der Mensch die Hauptursache des Temperaturanstiegs ist. 27 % gehen von einer gleichen Bedeutung von Menschen und von der Natur hervorgerufenen Einflussfaktoren aus und 11 % von einer Dominanz natürlicher Faktoren. Bei allen anderen relevanten Aspekten, ist die Divergenz der Meinungen noch größer – insgesamt kann also aus einer wissenschaftlichen Perspektive (oder bei einer Risikoeinschätzung) selbst diese Annahme nicht als sicher angesehen werden. Manche Experten scheint weiter zu irritieren, dass die Temperatur auf der Erde von ca. 1945 bis 1975 trotz erhöhten CO2–Gehalts in der Luft gefallen ist und auch in den letzten 10 Jahre zeigen beispielsweise NASA–Daten eher eine Temperaturstagnation.

Und wie sieht es mit den anderen Aspekten aus? Wurde die Vorteilhaftigkeit einer CO2–Begrenzung versus einer Anpassungsstrategie jemals volkswirtschaftlich solide kalkuliert? Warum müssen CO2–absenkende Maßnahmen gerade jetzt ergriffen werden, während doch ein zukünftiges Wirtschaftswachstum und der technologische Fortschritt möglicherweise auch spätere Eingriffe rechtfertigen würden? Ist es tatsächlich sicher, dass ein gewaltiges Engagement für die CO2–Reduzierung die (knappen) globalen Ressourcen besser einsetzt als beispielsweise breit angelegte Programme zur Weiterbildung oder Gesundheitsförderung in der Dritten Welt? Wird berücksichtigt, dass eine Reduzierung des Verbrauchs fossiler Brennstoffe in Europa und der USA zu sinkenden Preisen und ceteris paribus ein Mehrverbrauch in China und Indien führt?

Eine vernünftige Chancen- und Gefahreneinschätzung und gesicherte Entscheidung bezüglich verordneter sofortiger CO2–reduzierende Maßnahmen sollte sich vermutlich noch etwas genauer mit diesen Fragen beschäftigen.

Und selbst wenn jemand – wohl eher optimistisch – bezüglich aller oben genannten Fragen 90 % sicher wäre, ergibt sich als Gesamtwahrscheinlichkeit für die Sinnhaftigkeit sofortiger CO2–begrenzender Maßnahmen lediglich eine Wahrscheinlichkeit von 0,98 = 43 % (bei angenommener, etwas vereinfachter Unabhängigkeit). Bei 80 % Sicherheit pro Annahme ergibt sich lediglich eine Wahrscheinlichkeit von 17%! Schätzt man, dass z.B. sechs der Annahmen "ziemlich wahrscheinlich sind", also eine Eintrittswahrscheinlichkeit zwischen 80 und 100 % (gleichverteilt) aufnehmen, aber zwei Annahmen eher unwahrscheinlich sind (Eintrittswahrscheinlichkeit von 20 % bis 50 %) ergibt sich eine Gesamtwahrscheinlichkeit von nur noch ca. 6,5%.

Auch Unsicherheit hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit für die Gültigkeit einzelner Annahmen kann erhebliche Auswirkungen haben ("Meta-Risiken"), was hier jedoch nicht vertieft wird.

Sollte man im Übrigen lediglich eine Annahme als (fest) sicher falsch oder alle Annahmen als "unklar" (50:50–Wahrscheinlichkeit) beurteilen, liegt die Wahrscheinlichkeit unter 1%, dass sofort CO2–begrenzende Maßnahmen vorgeschrieben werden sollten.

Bezugsrahmen und relativierte Schäden

Außer der Wahrscheinlichkeit muss man natürlich auch die mögliche Schadenshöhe des Klimawandels betrachten. Hier existieren sicherlich auch einige – von mir im Detail nicht nachvollzogene – Schätzungen. Aber die Summen sind natürlich beeindruckend und legen – auf den ersten Blick – sofortiges Handeln nahe. Sollte in den nächsten 50 Jahren tatsächlich (beispielsweise) ein Schaden von bis zu 50 Billionen Dollar auf die Weltbevölkerung zurollen? Eine unvorstellbare Summe. Rund 1000 Mal mehr als das Vermögen von Bill Gates. Ein Mehrfaches des Vermögens der reichsten Amerikaner der Forbes-Liste oder mehr als ein 100-faches der bundesdeutschen Steuereinnahmen. Gigantisch?

Aber auch hier relativiert sich die Einschätzung, wenn man die Zahl in den richtigen Bezugsrahmen stellt. Zunächst einmal sind 50 Billionen Dollar in 50 Jahren nur 1 Billion Dollar pro Jahr. Und der Bezug zum Einkommen einzelner Personen oder auch eines Staates ist natürlich verfehlt, da sich diese Schadenssumme – wenn sie denn zutreffend wäre – global verteilt. Wie hoch ist der Schaden verglichen mit dem globalen Vermögen? Das Vermögen liegt sicherlich bei 300 bis 400 Billionen Dollar, was die jährliche Schadenshöhe schon in einen Promillebereich bringt. Das globale Vermögen dürfte jedes Jahr real durchschnittlich mehr als 10 Billionen steigen! Und wenn man zudem bedenkt, dass sich das globale Vermögen in den nächsten 50 Jahren voraussichtlich noch einmal versechsfachen wird, erscheint selbst eine Schätzung von 50 Billionen Dollar als eine überschaubare Größenordnung. Es geht an dieser Stelle nicht darum auszusagen, dass 50 Billionen der richtige Schätzwert ist. Es geht darum aufzuzeigen, dass erst kritisches Hinterfragen und die Herstellung des richtigen Bezugsrahmens es ermöglicht eine vernünftige Beurteilung eines Sachverhalts vorzunehmen.

Zentrale vs. dezentrale Maßnahmen und die Relevanz von Handlungsalternativen

Gelegentlich wird argumentiert, dass trotz einer vielleicht geringeren Eintrittswahrscheinlichkeit man sofort mit CO2–reduzierenden Maßnahmen beginnen und entsprechende volkswirtschaftliche Konsequenzen (Kosten) akzeptieren muss, weil diese auf jeden Fall nützlich für die Menschheit seien. Aber auch bei einer derartigen Argumentation ist Vorsicht angebracht. Grundsätzlich wird man nicht jede sinnvoll erscheinende Maßnahme, die der Zukunftsentwicklung der Menschheit förderlich ist, realisieren können – auch nicht diejenigen, mit einem besonders hohen erwarteten Nutzen. Die Gesamtheit aller "global sinnvollen" Aktivitäten würde nämlich die Verfügbarkeit an Ressourcen weit übersteigen. Ein Abwägen mit anderen Maßnahmen ist grundsätzlich erforderlich. Die Entscheidung für oder gegen eine Aktion ist abhängig von anderen Handlungsoptionen (Opportunitäten).

Wenn man sich grundsätzlich einigen würde, eine bestimmte Geldsumme für die Verbesserung der Lebensbedingungen auf der Erde einzusetzen, muss man natürlich auch Alternativen zum CO2-Reduzierungsprogramm bedenken. Wären die Mittel nicht möglicherweise besser eingesetzt für eine (lediglich beispielhaft anzusehende) Aktion zur Begrünung der Sahara mit Wald- und Ackerflächen durch den Bau von (beispielsweise Solarenergie betriebenen) Meerwasserentsalzungsanlagen? Dies hätte offensichtlich einen positiven Effekt für die Ernährungslage, würde arme Regionen der Welt fördern die Produktion von mehr Biodiesel ermöglichen und hätte – durch die Begrünung – zudem eine positive Wirkung durch die CO2– Absorption der zusätzlichen Grünflächen. Diese Ideen, wie viele andere interessante Ideen (etwa Weiterbildung, Krebs-Forschung), habe ich nicht kalkuliert – für eine Gesamtbeurteilung ist eine derartige Bewertung aber erforderlich.

Und hier unterscheidet sich der Ansatz einer zentralen auf Vorschriften beruhenden Globallösung für die CO2-Emmissionsbeschränkung auch grundlegend von der Alternativstrategie einer einzelwirtschaftlichen Anpassung. Wer sich für eine solche gesetzliche Globallösung ausspricht, muss ein Abwägen mit allen Alternativen vornehmen. Er benötigt daher ein sehr umfassendes Wissen und muss sich über die psychologisch bedingten Probleme eines „Mental Accountings“, also einer zunächst isolierte Beurteilung eines Einzelproblems, hinweg setzen können. Er stößt letztlich auf das gleiche Problem, an dem bereits die sozialistischen Planwirtschaften gescheitert sind. Man benötigt nämlich derartig viele Informationen über die Interessen, Präferenzen und Handlungsmöglichkeiten aller einzelnen Wirtschaftssubjekte (Menschen), die an keiner zentralen Stelle verfügbar sind. Schon von Hayek hat darauf verwiesen, dass es kaum realistisch ist anzunehmen, eine zentrale Stelle verfüge über sämtliches erforderliches Wissen für eine umfassende zentrale Koordination. Dezentrale Koordination, speziell über Märkte, also freiwillige Tauschvereinbarungen, hat bekanntlich grundlegende Vorteile, führt aber nicht immer zum gesamtwirtschaftlichen Optimum. Markt und Wettbewerb belohnen die besten Anpassungsstrategien – führe aber nicht zwingend zum gesellschaftlichem Optimum. Zentrale (in diesem Fall globale) Lösungen sind wettbewerbsfrei und damit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht optimal – vielleicht nicht einmal notwendig (siehe oben). Vielleicht ist eine vorsichtige Mischung dezentraler Anpassung und staatlicher Anreize die beste Strategie.

Die Erläuterung in diesem Text zeigen lediglich Probleme mit einfachen, scheinbar offensichtlichen politischen Entscheidungen – können und sollen aber nicht so interpretiert werden, dass umgekehrt zwangsläufig keine Aktivitäten zum Klimaschutz nötig sind.
 
Fazit

Das Beispiel "Sofortmaßnahmen gegen den Klimawandel" zeigt, dass man sich für eine fundierte Beurteilung man sich über die Annahmen und deren Sicherheit klar sein muss. Ein interessanter Weg, sich Klarheit hinsichtlich der Sicherheit von Annahmen zu schaffen, besteht darin, sich mit dem Grad an Konsens oder Dissens unter den Fachexperten über einer Annahme zu befassen. Die unreflektierte Übernahme einer (speziell in einer Gruppe konsensfähigen) Meinung ist der einfachste, konfliktfreiste – aber sicherlich nicht beste  Weg vernünftige Entscheidungen zu treffen. Und bei allen Entscheidungen zur Durchführung von Maßnahmen, die (knappe) Ressourcen binden, muss immer bedacht werden, dass damit implizit eine Entscheidung gegen alternativ mögliche Maßnahmen getroffen wird.

Zusammenfassend ist es also bei der Entscheidungsfindung wichtig, zu Grunde liegende (oft nicht genannte) Annahmen aufzudecken, deren Gültigkeit (Wahrscheinlichkeit) einzuschätzen, die Alternativen zur Entscheidung (und insbesondere auch einen alternativen Einsatz der Ressourcen) zu berücksichtigen und die quantitative Abschätzungen der Höhe von Auswirkungen in den richtigen Bezugsrahmen zu setzen. Diese einfachen Techniken zur Verbesserung von Entscheidungen werden bedauerlicherweise oft in Unternehmen – und wie das Beispiel hier zeigt auch in der Politik – übersehen oder vergessen.

Persönlicher Nachtrag des Autors:

Der Autor hat keinerlei spezifische Detailkenntnisse im Bereich Klimaforschung und stützt seine Einschätzungen und diesbezüglichen Kenntnisse lediglich auf einige Bücher. Aber gerade mit dem Lesen solcher Bücher wird besonders offensichtlich, dass viele der an sich zu diskutierenden Annahmen eben gerade nicht diskutiert werden.

Das hier dargestellte Beispiel der Klimaforschung ist in der Hinsicht für viele Entscheidungssituationen typisch, weil sich hier ein "Nichtexperte" mit den scheinbar völlig klaren Empfehlungen bezüglich der Lösung eines Problems befassen muss - und hier nur eine Chance hat, nämlich die unsicheren Annahmen kritisch zu hinterfragen.

Literatur zur Risikoqualifizierung:

Gleißner, W. (2008), Grundlagen des Risikomanagements in Unternehmen, Vahlen (erscheint in Kürze)

Zum Autor:

Dr. Werner Gleißner ist Vorstand der Future Value Group AG, Leinfelden-Echterdingen und Lehrbeauftragter an den Universitäten Dresden, Hohenheim und Stuttgart sowie an der European Business School.

Kontakt: kontakt@futurevalue.de

 

 

 

[Bildquelle: aboutpixel.de/ELLYderOLCH (oben), Photocase]

 

 

Anhang:

Die oben erwähnten Überlegungen zu Koordinationsstrategie lassen sich verallgemeinern. Wer eine zentrale Lösung für ein Problem vorgibt, muss ein hohes Maß an Gewissheit haben, dass er alle relevanten Aspekte betrachten kann. Eine große Schwierigkeit besteht hier darin, dass Menschen dazu neigen, jeweils nur das gerade vorliegende Problem zu betrachten – und Wechselwirkungen in Abhängigkeit mit anderen zu vernachlässigen. Insbesondere wird häufig die begrenzte Verfügbarkeit von Ressourcen zur Problemlösung vernachlässigt. Wer sich für den Einsatz von Ressourcen zur Lösung eines bestimmten Problems entscheidet, muss sich darüber im Klaren sein, dass er sich damit implizit dafür entscheidet, bestimmte andere Probleme nicht (mit diesen Ressourcen) zu lösen – und die entsprechenden negativen Auswirkungen (Opportunitätskosten) müssen in der Kalkulation berücksichtigt werden. Die Psychologen sagen jedoch, dass aufgrund des "Mental–Accounting–Problems" meist eine Problembeurteilung in einem zu engen Entscheidungsrahmen erfolgt.

Problemlösung auf einer dezentralen Ebene, also auf der Ebene einzelner Menschen und Unternehmen, hat den Vorteil, dass hier viel mehr Wissen über die jeweiligen konkreten Rahmenbedingungen existiert. Zudem wird jeweils das tatsächliche eigene Interesse verfolgt, was allerdings nicht immer zur "Maximierung des Gemeinwohls" führt (wenn dieses überhaupt bestimmt ist). Allerdings tragen Wettbewerbsmechanismen oft dazu bei, dass Fehlentscheidungen einzelner Menschen unmittelbare negative Konsequenzen haben. Der Wettbewerb sorgt dafür, dass sich gute Lösungen durchsetzen. Und diese Wettbewerbsmechanismen gelten grundsätzlich auch zwischen Staaten. Letztlich ist der Wettbewerb zwischen den Ländern auch ein Mechanismus, der "Demokratieversagen" bestraft. Wählte in einem Staat beispielsweise die Bevölkerungsmehrheit regelmäßig Regierungen, die eine für die Wettbewerbsfähigkeit des Landes ungeeignete Wirtschaftspolitik betreibt, werden sich die negativen Auswirkungen langfristig sehr deutlich zeigen – und das Land (bzw. seine Unternehmen und Menschen) verliert international an ökonomischer, und damit auch an politischer Bedeutung. Vielleicht sollte man basierend auf den Überlegungen auch bei der Diskussion über administrative Sofortmaßnahmen gegen CO2 zunächst einmal darüber nachdenken, in welcher Weise sich hier wettbewerbliche dezentrale Lösungen realisieren lassen, die den Informationsstand, die Interessenslagen und die Anreize der einzelnen Menschen und Unternehmen nutzen.

Dezentrale Koordinationsformen haben also in der Tendenz Vorteile, was eher für dezentrale Anpassungsstrategien spricht – wobei man sich hier jedoch darüber klar sein muss, dass die mögliche Belastung durch eine eventuelle Klimaerwärmung infolge des CO2-Anstiegs natürlich sehr unterschiedlich verteilt sein kann. Die primären Verursacher sind nicht unbedingt die primär Leidtragenden, dies kann als Rechtfertigung für die diskutierte Idee handelbarer CO2-Zertifikate dienen, die zunächst jedem Menschen die gleiche CO2-Emissionsmenge zugesteht solche Zertifikate sind damit im Kontext einer möglichen Strategie zur Begegnung des Klimawandels als eines der prinzipiell interessanten Instrumente anzusehen. Vermutlich verbindet eine intelligente Problemlösung zentrale und dezentrale Lösungsstrategien.

Betrachten wir zuletzt noch die Frage, ob ein Problem grundsätzlich und am Besten "sofort gelöst werden muss". Auch in Umweltfragen ist es unter Umständen durchaus sinnvoll, temporär ein Problem, wie z.B. hohe Umweltbelastung, zu akzeptieren. So hat beispielsweise China in den letzten 15 Jahren eine so günstige Wirtschaftsentwicklung und Vervielfachung des pro Kopf Einkommens erreicht, weil temporär eine sehr freie Form des Kapitalismus mit wenig Beschränkung des Unternehmertums, auch in Fragen des Umwelt- und Arbeitsschutzes, realisiert wurde. Das Gewinnstreben in Verbindung mit einer starken Kapitalakkumulation (Investition) hat zu einem deutlichen Rückgang von Armut, der Zahl der hungernden Menschen und insgesamt zu einem deutlichen Anstieg des pro Kopf Einkommens geführt. Mit dem inzwischen erreichten Einkommenslevel ist es wesentlich leichter (und auch im Interesse der Bevölkerung) nun mehr für den jetzt offenkundig notwendigen Umweltschutz zu tun – es ist damit nicht gesagt, dass die tatsächlich verfolgte Strategie im Hinblick auf die Umwelt optimal war. Fest steht nur, dass es heute mit dem wesentlich höheren Einkommensniveau vergleichsweise einfach ist, Aktivitäten zum Umweltschutz zu initiieren, die vor 15 oder 20 Jahren schlicht unmöglich gewesen wären, weil weder die Technologie noch die Finanzmittel dafür zur Verfügung gestanden haben und der Umweltschutz wird der Bevölkerung wichtiger, gerade weil noch gravierende Probleme wie Hunger, schon besser im Griff sind.



Bücher des Monats

Täuschwirtschaft – Wie die Wirtschaft sich selbst und uns alle betrügt

Täuschwirtschaft – Wie die Wirtschaft sich selbst und uns alle betrügt

Ein Mischung aus soliden Fakten und mäßig fundierten Thesen


Kommentar zum Deutschen Corporate Governance Kodex

Der Standardkommentar zum Deutschen Corporate Governance Kodex


Bei RiskNET finden Sie jeden Monat eine aktuelle Kolumne aus der bunten Welt des Risk Managements.