01.08.2010
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Nichts kann mehr wirklich ausgeschlossen werden

Zehn Überraschungen des Jahres 2010

Eigentlich wollte ich diesmal keine "Zehn Überraschungen des kommendes Jahres" schreiben. Fünf Mal hintereinander sind genug. Zudem sind in den letzten beiden Jahren so viele Punkte Realität geworden (2009 beinahe acht von zehn), dass es eigentlich keine Überraschungen waren. Der Text des vorigen Jahres liest sich heute fast wie eine Beschreibung der tatsächlichen Verhältnisse (abgesehen von den üblichen Übertreibungen). Wenn es aber keine Überraschungen mehr gibt, sollte man auch nicht darüber schreiben.
Offenbar verändert sich die Welt so schnell und so radikal, dass wir mit unserer Phantasie kaum mehr nachkommen. Nichts kann heute mehr wirklich ausgeschlossen werden. Darauf muss sich das Risikomanagement einstellen. Wir müssen immer mehr Anstrengungen unternehmen, um ein Gefühl für den "Möglichkeiten-Raum" der Zukunft zu bekommen.

Man kann das aber auch als Herausforderung sehen. Das habe ich hier getan. Daher doch noch einmal "Zehn Überraschungen". Ich habe sie wie bisher nicht danach ausgewählt, was wahrscheinlich ist. Das unterscheidet sie von denen des amerikanischen Ökonomen Byron Wien, der dieses Format vor vielen Jahren erfunden hat. Sie sollen vielmehr auf das hinweisen, was keiner oder nur wenige auf der Rechnung haben. Sie beschreiben auch kein konsistentes System. Vielmehr widersprechen sie sich zum Teil. Ein Punkt kann sogar nicht falsifiziert werden, weil er – wenn überhaupt – erst in den Jahren danach umgesetzt werden könnte. Hier also die Überraschungen für 2010:

Erstens: Der als guter Präsident gestartete Obama scheitert. Er hat den Widerstand der Gesellschaft gegen Veränderungen unterschätzt. Bei den Midterm Elections im Herbst 2010 gewinnen die Republikaner die Mehrheit in beiden Häusern des Parlaments. Sie blockieren alle weitergehenden Initiativen des Präsidenten und machen ihn für den Rest seiner Amtszeit zu einer "Lame Duck" (lahmen Ente). Amerika ist führungslos. Das macht auch die Zusammenarbeit in der Welt komplizierter. An den Krisenherden eskaliert die Gewalt.

Zweitens: Die Schwellenländer, die den Wachstumszug der Weltwirtschaft aus der Rezession bisher anführten, geraten in Schwierigkeiten. Es ging alles zu schnell, vor allem in China. Zunächst kann Peking das noch durch den Ausweis hoher gesamtwirtschaftlicher Zuwachsraten kaschieren. Dann zeigen sich aber zunehmend Kreditausfälle bei Banken, steigende Zahlen unverkäuflicher Immobilien und eine wachsende Verschuldung einzelner Firmen im Ausland. China fällt nicht in ein Loch. Es verliert jedoch seine Attraktion als Nummer eins.

Drittens: Es kommt zu einem Dollar-Crash. Die amerikanische Währung wertet sich drastisch ab. Die Notenbanken vereinbaren konzertierte Devisenmarktinterventionen. Das System flexibler Wechselkurse mit der Reservewährung Dollar wird in Frage gestellt. Erste Vorschläge kommen auf, die großen Währungen der Welt wie zu Zeiten von Bretton Woods über feste Wechselkurse aneinander und an das Gold zu binden (jetzt aber zu einem Preis von USD 600 je Feinunze). Das soll das Vertrauen wiederherstellen. Der große Verlierer ist der Goldpreis.

Viertens: China stellt seine Käufe von amerikanischen Schatzanleihen vorübergehend ein. Es will damit handelspolitische Zugeständnisse erzwingen. Die USA sind geschockt. Die Zinsen für Staatsanleihen steigen stark an. Die Notenbank greift ein und kauft Staatsanleihen. Der Welt wird deutlich, wer Schuldner und wer Gläubiger ist.

Fünftens: Nach zehn Jahren Erfolgsgeschichte tauchen Zweifel am Zusammenhalt des Euro auf. Die Europäische Zentralbank geht zu forsch beim Einsammeln der Liquidität vor. Sie macht Fehler bei der Kommunikation. Einige südeuropäische Länder opponieren gegen eine Erhöhung der Zinsen. Die Welt zweifelt an der Stabilitätsverankerung durch die fiskalpolitischen Regeln des Maastricht-Vertrages. Der Euro wird schwach.

Sechstens: In Deutschland fällt die FDP in den Umfragen zuerst auf unter 10 Prozent, dann unter 5 Prozent. Darin zeigt sich, dass die Gesellschaft der Bundesrepublik nicht bereit ist, größere Veränderungen in Richtung mehr
Liberalität und Freiheit zu akzeptieren. Die schwarz-gelbe Koalition regiert weiter. Die für 2011 vorgesehene Steuerreform wird aber abgeblasen.

Siebtens: Die deutsche Bundeskanzlerin Merkel denkt darüber nach, nach Ablauf der Amtsperiode des neuen Europäischen Präsidenten für dieses Amt zu kandidieren. Sie merkt, dass die Macht eines europäischen Präsidenten international viel größer ist als die eines nationalen Regierungschefs. Auch der französische Staatschef Sarkozy hegt solche Gedanken. Das wäre auf lange Sicht wieder eine Chance für Europa.

Achtens: Der Aufsichtsratsvorsitzende von Volkswagen, Ferdinand Piech, tritt zurück. Nachfolger wird der niedersächsische Ministerpräsident Wulff. Er sieht keine Chancen mehr, Frau Merkel im Bundeskanzleramt zu "beerben". Bei VW geht die Expansion zunächst weiter. Dann zeigen sich aber Schwächen des Geschäftsmodells eines Weltunternehmens. Die positiven Skaleneffekte werden aufgewogen durch eine zunehmende Schwerfälligkeit der Entscheidungen und eine zu große Ferne vom Markt.

Neuntens: In Frankreich explodiert ein Atomkraftwerk. Die Katastrophe beendet die gesamte Klimadebatte. Die Welt muss erst wieder für ausreichend und sichere Energie sorgen. Es werden wieder mehr Kohlekraftwerke gebaut. Die Beschlüsse, verstärkt auf Kernkraft zu setzen, werden revidiert. Die Subventionierung der regenerativen Energien wird erhöht.

Zehntens: Im Hinblick auf die hohe öffentliche Verschuldung denkt der deutsche Finanzminister über eine temporäre Steueramnestie für Gelder nach, die aus dem Ausland zurückgeholt werden. Das wäre ein Sanierungsprogramm für die öffentlichen Haushalte und  auch für die Banken. Erhebliche Beträge würden nach Deutschland zurückfließen. Leidtragende wären Länder wie die Schweiz. Die USA beobachten das mit Interesse, weil das auch ihre Probleme lösen könnte.


Autor: Dr. Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.



[Bildquelle: iStockPhoto]




Kommentare

Bubi, Freitag, 18.12.2009 - 06:35:
Szenarien 1 bis 5 halte ich für äußerst realistisch (dazu kämen noch einige weitere ökonomische Szenarien), 6 bis 10 halte ich eher für unwahrscheinlich ... aber in jedem Fall ein interessanter Kommentar über die nähere Zukunft. Glückwunsch!
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pessimist, Freitag, 18.12.2009 - 08:52:
Szenario 9 ist keine Überraschung sondern eine Katastrophe und würde die Gesellschaft und vor allem die Politik wieder auf die wahren Herausforderungen lenken ;-(
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Volker, Mittwoch, 13.01.2010 - 13:17:
Das halte ich alles für denkbar. Darüber hinaus wird ja in absehbarer Zeit - vielleicht noch nicht in diesem Jahr - etwas gegen die Staatsverschuldung hier und in USA erfolgen müssen. Das Zurückholen der Gelder aus dem Ausland ist ganz nett, aber wird nicht den Durchbruch bringen. Noch eine Währungsreform (nach der der EURO-Einführung) durch Einführung des "Globo", in den Dollar und EURO zu schlechten Kursen getaust werden müssen? Staatsbankrott? Verstaatlichung von Privateigentum? Oder lässt man das einfach so weiterlaufen, weil eine Legislaturperiode ja auch irgendwann zuende ist?
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