01.08.2010
RiskNET - The Risk Management Network -April 2010

Risk-Map: Zur Navigation geeignet?!


Autor: Christian Brünger

Die Risk-Map ist eine Methode im Risikomanagement für die Priorisierung von Risiken. Die bewerteten Einzelrisiken werden in einem zweidimensionalen Koordinatensystem mit den Achsen Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadenshöhe dargestellt. Durch die Festlegung einer oder mehrerer Risikoschwellen in der Risk-Map werden bestimmte Bereiche gebildet. Die Lage der Einzelrisiken zur Risikoschwelle ist daraufhin ausschlaggebend für die Bedeutung des jeweiligen Risikos. Der einfachste Fall wäre die Einteilung der Risiken in zwei Prioritätsklassen – beispielsweise wichtig und weniger wichtig –, die durch eine Risikoschwelle getrennt werden. Diese Risikopriorisierung ist für das Risikomanagement von entscheidender Bedeutung, da hierdurch die Dringlichkeit und der Umfang der Risikohandhabung bestimmt werden.

Wesentlich für die Risikopriorisierung ist die Form und Lage der Risikoschwelle. Hierfür finden sich in der Literatur unterschiedliche Ansätze. Im Wesentlichen sind vier Grundformen verbreitet: die diagonale, hyperbelartige, rechteckige und viertelkreisähnliche Risikoschwelle (vgl. Abbildung 1). In welchen Fällen welche Form der Risikoschwelle einzusetzen ist, wurde bisher noch nicht abschließend in der Literatur geklärt. Mit dem Hinweis vieler Autoren auf eine subjektive, unternehmensindividuelle Festlegung, bleibt es letztlich den Unternehmen selbst überlassen, welche Form der Risikoschwelle zur Risikopriorisierung verwendet wird.

 
Abbildung 1: Mögliche Formen der Risikoschwellen in einer Risk-Map

Betrachtet man die unterschiedlichen Formen der Risikoschwelle genauer, fällt auf, dass beispielsweise bei der diagonalen Risikoschwelle, die Risiken, die genau auf der Risikoschwelle liegen, einen unterschiedlichen Erwartungswert aufweisen. Zudem entstehen eigenartige Effekte, wie beispielsweise, dass ein Risiko mit einem Erwartungswert von ca. 18 (EW: 90% SH: 20) als wichtiges Risiko eingestuft wird, während ein Risiko mit einem Erwartungswert von 20 (EW: 50% SH: 40) als unwichtiges Risiko durch die diagonale Risikoschwelle eingestuft wird. Zu ähnlich fragwürdigen Ergebnissen führt auch die Verwendung der rechteckigen oder viertelkreisähnlichen Risikoschwelle.

Lediglich die hyperbelartige Risikoschwelle, weist, bei entsprechender Konstruktion, diese fragwürdigen Eigenschaften nicht auf. Alle Risiken, die auf der hyperbelartigen Risikoschwelle liegen, weisen einen identischen Schadenserwartungswert auf. Gemäß der Bayes-Regel müsste ein Entscheider somit indifferent zwischen den Risiken mit gleichem Erwartungswert sein. Die Annahme, die dabei jedoch zum Tragen kommt, ist dass der Entscheider eine neutrale Risikopräferenz aufweist. Eine realitätsnähere Annahme wäre jedoch eine risikoaverse Einstellung eines Akteurs, da in der Realität Ereignisse mit einem identischen Erwartungswert nicht zwangsläufig auch Indifferenz bedeuten. So ist es vielen Entscheidern eben nicht egal, für welche Alternative sie sich entscheiden, wenn sie vor der Entscheidung stehen, sich entweder für einen sicheren Gewinn von 1.000 EUR oder einen Gewinn von 100.000 EUR mit einer 1%igen Gewinnchance zu entscheiden. Somit ist auch die hyperbelartige Risikoschwelle, die mit einem konstanten Erwartungswert konstruiert ist, bei praxisnahen Annahmen durchaus fragwürdig. Insgesamt sind somit alle bisherigen Formen der Risikoschwelle nicht konsistent mit den Entscheidungsprinzipien der Betriebswirtschaft.

Doch welche Form der Risikoschwelle sollte nun im Risikomanagement verwendet werden? Damit eine echte Indifferenz für die Risiken auf der Risikoschwelle entsteht, ist es erforderlich, dass der Erwartungswert des Nutzens identisch ist. Das Risikomanagement müsste somit eine Risikoschwelle entwickeln, die auf der Grundlage der (Gruppen-)Nutzenfunktion des Entscheiders bzw. der Entscheider (beispielsweise Vorstand und Aufsichtsrat) einen konstanten Erwartungswert des Nutzens aufweist. Eine solche Risikoschwelle führt zu einer nutzenkonsistenten Risikopriorisierung und stellt letztlich eine rationale Entscheidung dar.

Neben der Form der Risikoschwelle ist auch die Frage nach der Lage und Anzahl der Risikoschwelle(n) in einer Risk-Map durch die aktuelle Risikomanagementliteratur und -praxis nicht eindeutig beantwortet. Der einfachste Fall wäre eine Risikoschwelle, die Risiken in zwei Prioritätsklassen einteilt. Es finden sich jedoch auch Vorschläge mit bis zu fünf Risikoschwellen und sechs Prioritätsklassen.

Was sollte ein Risikomanager vor dem Hintergrund dieser Vielfalt also tun? Bei einer Risikoschwelle könnte die Orientierung an der Risikotragfähigkeit ein logischer Ansatz sein. Alle Risiken, die über dieser Risikotragfähigkeitsschwelle liegen, sind wichtig und müssen reduziert werden. Sind jedoch alle Risiken, die unterhalb der Risikotragfähigkeitsschwelle liegen automatisch alle gleich unwichtig? Bis zu einer gewissen Risikohöhe, kann die Situation entstehen, dass trotz Risikoeintritt, die angestrebten Ziele immer noch im Rahmen der Zieltoleranz erreicht werden. Für solche, nicht signifikante Risiken dürfte eine Akzeptanz weitgehend unkritisch sein, sodass alle Risiken, die unterhalb der Risikosignifikanzschwelle in der Risk-Map liegen, die niedrigste Priorität aufweisen. Letztlich kann eine weitere Differenzierung der Risiken vorgenommen werden, die über der Signifikanz- und unterhalb der Tragfähigkeitsschwelle liegen. Durch die Risikobereitschaft (Risk Appetite) wird festgelegt, welchen Risikoumfang die Geschäftsführung bereit ist aktiv einzugehen, um die gesetzten Ziele zu erreichen. Diese Risikobereitschaft liegt unterhalb der Risikotragfähigkeit, jedoch oberhalb der Risikosignifikanz. Insgesamt ergeben sich somit 3 Risikoschwellen mit 4 Prioritätsklassen: (A) Risiken, die die Risikotragfähigkeit übersteigen, (B) Risiken, die tragbar wären, die jedoch die Unternehmensführung nicht tragen will, (C) Risiken, die signifikant sind, jedoch innerhalb der Risikobereitschaft der Unternehmensführung liegen, (D) Risiken, die für das Unternehmen nicht signifikant sind.

Insgesamt zeigt sich also, dass die Risk-Map zunächst simpel und einfach anwendbar erscheint, jedoch bei einer genaueren Betrachtung durchaus einige Herausforderungen birgt, um eine gute und richtige Risikopriorisierung zu gewährleisten. Neben den diskutierten Aspekten der Risikoschwelle in der Risk-Map, sind auch Aspekte zu beachten, die zu gewissen Problemen im Risk-Map-Zusammenhang führen können, wie beispielsweise die Achsenskalierung oder der Umgang mit Verteilungen in der Risikobewertung. Nimmt man jedoch eine bewusste und angemessene Konzeption der Risk-Map vor, ist sie eine vernünftige Methode zur Risikopriorisierung und somit zur Navigation geeignet.



Autor:

Christian BrüngerChristian Brünger ist Doktorant an der Universität Paderborn. In seiner Dissertation beschäftigt er sich mit einer neuartigen Methode zur Klassifizierung und Priorisierung von Unternehmensrisiken. Einen weiteren Forschungsschwerpunkt legt er auf die Konzeption integrierter Managementkonzepte, wie beispielsweise einheitliche und übergreifende Prozess-, Qualitäts- und Risikomanagementsysteme. Leiter des "Center for Risk Management" an der Universität Paderborn.



[Bildquelle oben: iStockPhoto]

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